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Generation Y : Der alte Arzt hat ausgedient

  • -Aktualisiert am

Überstunden werden ausbezahlt

Auch die Frankfurter Diakoniekliniken haben sich auditieren lassen. Das Haupthaus ist das Markus-Krankenhaus in Frankfurt-Ginnheim. In wenigen Wochen wird hier ein neuer Kindergarten eröffnen, wo die Kinder der Mitarbeiter von 5.45 Uhr bis 18 Uhr abgegeben werden können; auch später am Abend wird noch ein „betreutes Kinderzimmer“ geboten; am Wochenende soll es bald eine Notfallversorgung für Kinder geben, falls ein Kind krank wird und ein Mitarbeiter deshalb zu Hause bleiben und ausfallen müsste.

“Es gibt eine Gruppe von Ärzten, für die das Thema Work-Life-Balance sehr wichtig ist“, sagt der Geschäftsführer Dennis Göbel. „Bei uns werden deshalb die Überstunden dokumentiert und ausbezahlt, oder sie können abgefeiert werden.“ Hört man Göbel zu, wie er sachlich ein Angebot nach dem anderen aufzählt, fühlt man sich unweigerlich an einen Werbeprospekt erinnert. Aber dann sagt er, und es klingt wie ein ziemlich desillusioniertes Fazit: „Wo ich früher einen Arzt eingesetzt habe, da muss ich heute zweieinhalb einsetzen.“

„Die Assistenten werden zu Chefs“

Das Festhalten an geregelten Arbeitszeiten sei dabei ganz klar eine Eigenheit der jüngsten Ärzte, es habe wenig damit zu tun, ob jemand überhaupt Kinder habe, sagen viele Klinikleiter inzwischen. Als „fordernde Konsumenten“ trete die junge Generation auf, schreibt auch Schmidt in der Studie, die in Kürze in „HNO“ erscheint. Ihre neue Macht beruht vor allem auf der Arbeitsmarktsituation. Zwar finden Kliniken in Großstädten meistens noch genug Personal - mitten in Frankfurt sei das kein Problem, sagt etwa Göbel. Anders sieht es schon aus in Marl-Sinsen, trotz der Nähe zum Ruhrgebiet. „Die letzte Stellenanzeige vor sechs Wochen hat null Bewerber gebracht“, sagt Rüdiger Haas. „Auch auf die davor gab es keine Bewerbungen.“ Haas sucht einen Arzt, der die Facharztausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater absolvieren will. Neunzehn Assistenzärzte arbeiten derzeit an seiner Klinik, verteilt auf vierzehn Stellen. Vier weitere Stellen sind unbesetzt.

“Den jungen Kollegen steht unglaublich viel offen“, sagt Haas. Deshalb begegneten die jungen Ärzte den älteren Fachärzten und dem Krankenhausmanagement inzwischen mit der Überzeugung: „Wenn wir gehen, haben Sie keinen anderen.“ Es sei zu einer Machtumkehr gekommen, sagt Haas. „Die Assistenten werden zu Chefs. So ein Effekt entsteht derzeit in fast allen Kliniken.“

Vorbild Skandinavien

Tatsächlich kennen die jungen Ärzte inzwischen das selbstbewusste Fordern. Erleben konnte man das zuletzt am vergangenen Samstag in Berlin, während der Karrieremesse „DocSteps“ der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Sechzig Aussteller - darunter große Krankenhauskonzerne, aber auch Unternehmensberatungen, die Bundeswehr und das Paul-Ehrlich-Institut - verteilten in den Pausen eines Vortragsprogramms Süßigkeiten, Spielzeug, Kaffeetassen und vor allem Visitenkarten der Personalabteilungen an mehr als tausend Medizinstudenten und junge Ärzte. Fragt man die Jungmediziner hier in den Fluren des ICC-Kongressgebäudes nach ihren Zielen, hören sie sich zunächst so an, als ob sie Schmidts Analysen gelesen haben und nun genau ins Bild der Generation Y passen wollen. „Gute Einstiegsgehälter und gute Fortbildungsmöglichkeiten“, wünscht sich Daniel S., 29 Jahre alt. Seine Freundin Julia P., ebenfalls 29, sagt: „Wir haben noch keine Kinder, aber wir wollen trotzdem von Anfang an darauf achten, dass an der Klinik nicht zu viele Dienste und Überstunden anfallen.“ Daniel nickt: „Ich denke, das steht ganz oben...“, beginnt er, „...dass man nicht zu viel arbeitet“, ergänzt Julia. „Als Assistenzarzt wird man sonst aufgefressen. Man sollte sich in Deutschland viel stärker ein Vorbild nehmen an skandinavischen Ländern, wo der Dienstschluss genau eingehalten wird.“

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