https://www.faz.net/-gwz-7mqpa

Geistige Behinderung : Isoliert waren vor allem die Nachkriegskinder

  • -Aktualisiert am

Ein Pflegeheim - wie Menschen mit geistigen Behinderungen altern, war bisher unbekannt Bild: dpa

Menschen mit geistiger Behinderung werden heute so alt wie nie zuvor. Ein Bericht zeigt nun die typischen gesundheitlichen Probleme. Je früher die Betroffenen geboren wurden, desto negativer ist offenbar ihre Lebenseinstellung.

          In Deutschland hat erstmals eine Generation von Menschen mit geistiger Behinderung das Rentenalter erreicht. Bisher hatte kaum einer aus dieser Gruppe die Chance dazu. Weil die Nationalsozialisten Menschen mit geistiger Behinderung systematisch ermordet haben, fehlt in Deutschland die Kriegs- und die Vorkriegsgeneration. Die Weiterentwicklung der Medizin hat zudem die Lebenserwartung erheblich verbessert. 1929 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung bei Menschen mit Down-Syndrom neun Jahre. 1963 lag sie bei 18 Jahren und 2002 bei 60 Jahren. Internationale Studien zeigen auch, dass Menschen mit einer leichten geistigen Behinderung inzwischen genauso alt werden wie die Vergleichsbevölkerung. Dass jetzt eine ganze Generation von Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland das Rentenalter erreicht, ist eine historisch neue Situation. Wie geht es diesen Menschen, wenn sie älter werden? Welche altersspezifischen Bedürfnisse und Erkrankungen haben sie in der zweiten Lebenshälfte? Welche Lebenserwartung haben Männer und Frauen mit geistiger Behinderung in der Bundesrepublik?

          Diese und weitere Fragen beantwortet ein Bericht des Kommunalverbands für Jugend und Soziales Baden-Württemberg mit dem Titel „Alter erleben – Lebensqualität und Lebenserwartung von Menschen mit geistiger Behinderung im Alter“. Der Bericht fasst die Ergebnisse einer Untersuchung zusammen, die der Psychologe Friedrich Dieckmann von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und die Pädagogin und Soziologin Heidrun Metzler von der Universität Tübingen geleitet haben. Die Wissenschaftler haben mit stationären Einrichtungen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe und den Trägern der Behindertenhilfe in Baden-Württemberg zusammengearbeitet.

          Wenig Daten

          „Es gibt in Deutschland eine große Scheu, Daten zur Situation von Menschen mit geistiger Behinderung zu sammeln“, sagt Metzler. „Deshalb hat der Bericht einen hohen Stellenwert, auch wenn die Daten zur Gesundheit und zur Lebensqualität von Menschen mit geistiger Behinderung in Baden-Württemberg nicht den Anspruch erheben können, für die gesamte Bundesrepublik zu stehen.“

          Der Bericht benennt zunächst die Rahmenbedingungen. Für geistige Behinderung gibt es keine international gültige Definition. Der Begriff ist stets relativ. Die Zuordnung hängt auch von den gesellschaftlichen Anforderungen ab. Weil diese ständig zunehmen, werden auch in Deutschland immer mehr Menschen als geistig behindert eingestuft. Das zeigt unter anderem der stark gestiegene Bedarf nach sonderpädagogischer Förderung bei Kindern und Kleinkindern. In der Bundesrepublik wird außerdem zwischen Lernbehinderung und geistiger Behinderung unterschieden. Bei einem Intelligenzquotienten von über 55 spricht man hierzulande von Lernbehinderung, bei einem niedrigeren Wert von geistiger Behinderung. Über die Jahrzehnte haben sich offensichtlich auch die Ursachen für geistige Behinderung verschoben. Früher galt das Down-Syndrom als Hauptursache. Heute ist die geistige Behinderung vielfach die Folge eines sehr geringen Geburtsgewichtes oder einer sozioökonomischen Benachteiligung, bei der Krankheiten nicht erkannt oder Kinder nicht gefördert wurden. Unabhängig von den zugrundeliegenden Ursachen haben weltweit mehr Männer als Frauen eine geistige Behinderung. Das gilt auch für die Bundesrepublik.

          Kleine Stichproben

          Die Lebenserwartung wurde mit zwei Stichproben ermittelt. Zur Ersten gehörten 13.500 Männer und Frauen aus stationären Einrichtungen in Westfalen-Lippe, denen Eingliederungshilfe gewährt wurde. Zur Zweiten gehörten 11000 Erwachsene mit geistiger Behinderung aus Baden-Württemberg, die in einer stationären Einrichtung lebten, ambulant unterstützt wurden oder noch in ihren Herkunftsfamilien betreut wurden. Für die Berechnung mussten Dieckmann und sein Kollege Christos Giovis eine neue Methode entwickeln, damit sie mit den vergleichsweise kleinen Stichproben statistisch verlässliche Zahlen ermitteln konnten. Die Ergebnisse zur Lebenserwartung decken sich mit der internationalen Entwicklung. Demnach nähert sich auch in Deutschland die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen mit geistiger Behinderung an die Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung an. Je nach Geschlecht und Stichprobe ist der Wert allerdings noch sechs bis zwölf Jahre niedriger.

          Die Abweichungen bei den Stichproben führen Dieckmann und Giovis auf die Besonderheiten in den Gruppen zurück. In Westfalen-Lippe haben Männer mit geistiger Behinderung eine durchschnittliche Lebenserwartung von 71 Jahren, in Baden-Württemberg von 65 Jahren. Frauen mit geistiger Behinderung erreichen in Westfalen-Lippe eine durchschnittliche Lebenserwartung von 73 Jahren, in Baden-Württemberg von 70 Jahren „Die Unterschiede in den beiden Bundesländern haben nichts mit den regionalen Gegebenheiten zu tun“, kommentiert Dieckmann die Abweichungen, „sondern mit der Ziehung der Stichproben. In den Stichproben variiert der Anteil von Menschen mit Down-Syndrom oder schwerer Mehrfachbehinderung“, so der Psychologe weiter. „Bei diesen Personengruppen ist die durchschnittliche Lebenserwartung noch deutlich geringer. Je nach Anteil in der Stichprobe ist die mittlere Lebenserwartung deshalb größer oder kleiner.“ Je älter Menschen mit geistiger Behinderung werden, desto mehr gleicht sich deren Lebenserwartung an die der Gesamtbevölkerung an. Wer 50 Jahre alt wird, hat vermutlich eine normale Lebenserwartung. Bei Männern und Frauen mit geistiger Behinderung ist der Abstand bei der Lebenserwartung nicht so groß wie bei der Gesamtbevölkerung. In der Gesamtbevölkerung liegt der Abstand derzeit bei fünf Jahren, bei Männer und Frauen mit geistiger Behinderung bei zwei bis fünf Jahren.

          Andere gesundheitliche Probleme

          Gesundheit und Lebensqualität haben Heidrun Metzler und ihre Kollegen mit 441 Fragebögen ermittelt. Alte Menschen mit geistiger Behinderung haben offensichtlich ähnliche, aber auch andere gesundheitliche Probleme als die alternde Gesamtbevölkerung in der Bundesrepublik. Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielen demnach eine geringere Rolle. Das habe vermutlich auch damit zu tun, dass Menschen mit geistiger Behinderung seltener rauchen und Alkohol trinken, sagt Metzler. „Viele Untersuchungsteilnehmer führen in dieser Hinsicht ein geradezu vorbildliches Leben“, sagt sie. 84,5 Prozent der Menschen mit geistiger Behinderung gaben an, nie geraucht zu haben, die Hälfte erklärte, nie getrunken zu haben.

          Allerdings ist Übergewicht ein erhebliches Problem, vor allem bei Frauen mit geistiger Behinderung. Von den Befragten waren mehr extrem übergewichtig als dies bei einer altersgleichen Stichprobe aus der Gesamtbevölkerung zu erwarten gewesen wäre. Dass Übergewicht bei geistiger Behinderung so ein zentrales Problem ist, hat offenbar mit einer schlechteren Ernährung, wenig Bewegung und mit speziellen Medikamente zu tun, etwa gegen Epilepsie, Depressionen oder psychiatrische Erkrankungen. Diese Leiden treten bei Menschen mit geistiger Behinderung häufiger auf als bei der alternden Gesamtbevölkerung in Deutschland. Viele Menschen mit geistiger Behinderung haben zudem eine schlechtere Zahngesundheit und Einschränkungen beim Sehen oder Hören. Menschen mit Down-Syndrom leiden auch häufiger an Alzheimer-Demenz und Schilddrüsenerkrankungen.

          Pflege braucht längst nicht jeder

          Der Bericht belegt, dass alte Menschen mit geistiger Behinderung nicht zwangsläufig pflegebedürftig sind. Die Ansicht, dass jeder, der alt und geistig behindert sei, immer auch Pflege brauche, sei schlichtweg falsch, sagt Metzler. Von denjenigen, die in der Familie betreut werden, haben 41 Prozent keinen Pflegebedarf. 86 Prozent der Menschen in ambulanter Betreuung brauchen keinerlei Pflege und in den stationären Wohnheimen haben 64 Prozent der über 45-Jährigen keinen Pflegebedarf. Jeder achte ältere Mensch mit geistiger Behinderung braucht auch keine Hilfe bei der Körperpflege.

          Die meisten alten Menschen mit geistiger Behinderung haben zudem eine positive Lebenseinstellung. 68 Prozent der über 65-Jährigen gaben an, das Leben sei schön oder zufriedenstellend. Eine Ausnahme bildet allerdings die Gruppe derjenigen, die direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurden. „Diese unmittelbare Nachkriegsgeneration hatte eine schlechte medizinische Versorgung, wenig Gelegenheit zum Schulbesuch und war oft sozial isoliert“, sagt Metzler. „Die Lebensqualität dieser Gruppe ist deutlich schlechter als die der nachgeborenen Menschen mit geistiger Behinderung.“

          Der Bericht belegt auch, dass ein erheblicher Teil der Betreuung in den Herkunftsfamilien geleistet wird. Allerdings hat die Betreuung durch die Eltern eine natürliche zeitliche Grenze. Die vorgelegten Ergebnisse können helfen, den zukünftigen Hilfsbedarf zu planen und sicherzustellen, dass Menschen mit geistiger Behinderung in Würde und Selbstbestimmung altern.

          Weitere Themen

          Ebola in der Zange

          Epidemie im Kongo : Ebola in der Zange

          Im Kongo kämpfen Ärzte noch immer gegen den schwersten Ebola-Ausbruch in der Region. Doch es besteht Hoffnung, den Erreger einzudämmen. Denn es gibt einen Impfstoff, der wirkt. Erstmals hat sich die Sterberate halbiert.

          Poröser Schutthaufen in den Tiefen des Alls

          Asteroid Ryugu : Poröser Schutthaufen in den Tiefen des Alls

          Der Landesonde „Mascot“ blieben im vergangenen Jahr nur wenige Stunden, um die Oberfläche des Asteroiden „Ryugu“ zu erkunden. Die Zeit reichte, um sich ein Bild von dem urtümlichen Himmelskörper zu machen, wie die nun veröffentlichte Daten und Fotos zeigen.

          Topmeldungen

          Die Pläne der Senderführung beim HR sind ein Misstrauensvotum gegen die eigenen Mitarbeiter.

          Kurs des Hessischen Rundfunks : Weniger Kultur wagen?

          Beim Hessischen Rundfunk soll das Radio-Kulturprogramm hr2 nach dem Willen der Senderführung verschwinden. Die Argumentation für diesen Schritt ist typisch. Sie zeugt von Verachtung – für die Kultur, die Mitarbeiter und die Beitragszahler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.