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Geistige Behinderung : Isoliert waren vor allem die Nachkriegskinder

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Die Abweichungen bei den Stichproben führen Dieckmann und Giovis auf die Besonderheiten in den Gruppen zurück. In Westfalen-Lippe haben Männer mit geistiger Behinderung eine durchschnittliche Lebenserwartung von 71 Jahren, in Baden-Württemberg von 65 Jahren. Frauen mit geistiger Behinderung erreichen in Westfalen-Lippe eine durchschnittliche Lebenserwartung von 73 Jahren, in Baden-Württemberg von 70 Jahren „Die Unterschiede in den beiden Bundesländern haben nichts mit den regionalen Gegebenheiten zu tun“, kommentiert Dieckmann die Abweichungen, „sondern mit der Ziehung der Stichproben. In den Stichproben variiert der Anteil von Menschen mit Down-Syndrom oder schwerer Mehrfachbehinderung“, so der Psychologe weiter. „Bei diesen Personengruppen ist die durchschnittliche Lebenserwartung noch deutlich geringer. Je nach Anteil in der Stichprobe ist die mittlere Lebenserwartung deshalb größer oder kleiner.“ Je älter Menschen mit geistiger Behinderung werden, desto mehr gleicht sich deren Lebenserwartung an die der Gesamtbevölkerung an. Wer 50 Jahre alt wird, hat vermutlich eine normale Lebenserwartung. Bei Männern und Frauen mit geistiger Behinderung ist der Abstand bei der Lebenserwartung nicht so groß wie bei der Gesamtbevölkerung. In der Gesamtbevölkerung liegt der Abstand derzeit bei fünf Jahren, bei Männer und Frauen mit geistiger Behinderung bei zwei bis fünf Jahren.

Andere gesundheitliche Probleme

Gesundheit und Lebensqualität haben Heidrun Metzler und ihre Kollegen mit 441 Fragebögen ermittelt. Alte Menschen mit geistiger Behinderung haben offensichtlich ähnliche, aber auch andere gesundheitliche Probleme als die alternde Gesamtbevölkerung in der Bundesrepublik. Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielen demnach eine geringere Rolle. Das habe vermutlich auch damit zu tun, dass Menschen mit geistiger Behinderung seltener rauchen und Alkohol trinken, sagt Metzler. „Viele Untersuchungsteilnehmer führen in dieser Hinsicht ein geradezu vorbildliches Leben“, sagt sie. 84,5 Prozent der Menschen mit geistiger Behinderung gaben an, nie geraucht zu haben, die Hälfte erklärte, nie getrunken zu haben.

Allerdings ist Übergewicht ein erhebliches Problem, vor allem bei Frauen mit geistiger Behinderung. Von den Befragten waren mehr extrem übergewichtig als dies bei einer altersgleichen Stichprobe aus der Gesamtbevölkerung zu erwarten gewesen wäre. Dass Übergewicht bei geistiger Behinderung so ein zentrales Problem ist, hat offenbar mit einer schlechteren Ernährung, wenig Bewegung und mit speziellen Medikamente zu tun, etwa gegen Epilepsie, Depressionen oder psychiatrische Erkrankungen. Diese Leiden treten bei Menschen mit geistiger Behinderung häufiger auf als bei der alternden Gesamtbevölkerung in Deutschland. Viele Menschen mit geistiger Behinderung haben zudem eine schlechtere Zahngesundheit und Einschränkungen beim Sehen oder Hören. Menschen mit Down-Syndrom leiden auch häufiger an Alzheimer-Demenz und Schilddrüsenerkrankungen.

Pflege braucht längst nicht jeder

Der Bericht belegt, dass alte Menschen mit geistiger Behinderung nicht zwangsläufig pflegebedürftig sind. Die Ansicht, dass jeder, der alt und geistig behindert sei, immer auch Pflege brauche, sei schlichtweg falsch, sagt Metzler. Von denjenigen, die in der Familie betreut werden, haben 41 Prozent keinen Pflegebedarf. 86 Prozent der Menschen in ambulanter Betreuung brauchen keinerlei Pflege und in den stationären Wohnheimen haben 64 Prozent der über 45-Jährigen keinen Pflegebedarf. Jeder achte ältere Mensch mit geistiger Behinderung braucht auch keine Hilfe bei der Körperpflege.

Die meisten alten Menschen mit geistiger Behinderung haben zudem eine positive Lebenseinstellung. 68 Prozent der über 65-Jährigen gaben an, das Leben sei schön oder zufriedenstellend. Eine Ausnahme bildet allerdings die Gruppe derjenigen, die direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurden. „Diese unmittelbare Nachkriegsgeneration hatte eine schlechte medizinische Versorgung, wenig Gelegenheit zum Schulbesuch und war oft sozial isoliert“, sagt Metzler. „Die Lebensqualität dieser Gruppe ist deutlich schlechter als die der nachgeborenen Menschen mit geistiger Behinderung.“

Der Bericht belegt auch, dass ein erheblicher Teil der Betreuung in den Herkunftsfamilien geleistet wird. Allerdings hat die Betreuung durch die Eltern eine natürliche zeitliche Grenze. Die vorgelegten Ergebnisse können helfen, den zukünftigen Hilfsbedarf zu planen und sicherzustellen, dass Menschen mit geistiger Behinderung in Würde und Selbstbestimmung altern.

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