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Gerichtsmedizin : Was geht in diesem Kopf vor?

  • -Aktualisiert am

Marcel H. schlachtete seine Opfer regelrecht ab. Anschließend prahlte er damit im Internet. Bild: dpa

Ein Zwanzigjähriger steht wegen Doppelmordes vor Gericht. Jetzt soll sein Hirn durchleuchtet werden. Hilft das weiter?

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          Marcel H., der sich vor dem Landgericht Bochum derzeit wegen zweifachen Mordes verantworten muss, soll in die Röhre. Mit Hilfe des Kernspintomographen will man sein Gehirn untersuchen, während eine Blutprobe seiner genetischen Analyse dienen soll.

          Dieser gerichtsmedizinische Ansatz ist nicht neu. Schon vor zehn Jahren glaubten Neurobiologen, eine neue Ära der Rechtsprechung einläuten zu können. Mit modernen Methoden wollten sie beurteilen, wie gefährlich ein Straftäter ist und ob er aus freien Stücken handelte oder vielleicht schuldunfähig sei. Aber sind die Neurowissenschaften dazu tatsächlich in der Lage?

          Das juristische Prinzip „Actus non facit reum nisi mens sit rea“ (keine Schuld ohne Bewusstsein der Schuld) treibt die Rechtsgelehrten um. Niemand soll einzig und allein für die Tat, die er begangen hat, verurteilt werden; jemanden für etwas zu bestrafen, das er womöglich nicht beabsichtigte, wäre demnach falsch. Da Angeklagte meist nicht offen über ihre Motive sprechen möchten oder nicht können, müssen Richter eigentlich Unmögliches leisten, wenn sie über das Warum schlussfolgern. Auch sie erhofften sich also Erleichterung, als die Neurowissenschaftler verkündeten, dass ohnehin alles biologisch determiniert sei und damit durch entsprechende Verfahren physiologisch abbildbar.

          MRT-Untersuchungen werden selten herangezogen

          „Solche Ansichten werden heute nicht mehr so vehement vertreten“, sagt Jürgen Müller, der als Professor für forensische Psychiatrie und Psychotherapie an der Georg-August-Universität lehrt und als Chefarzt in der Asklepios Klinik für Forensische Psychiatrie in Göttingen arbeitet. Doch abgesehen von der Diskussion, ob ein freier Wille überhaupt existiert, hat die Technik inzwischen Einzug in die deutschen Gerichtssäle gehalten. „Strukturelle Aufnahmen des Gehirns gehören zu jeder psychiatrischen Diagnosestellung, auch im Zuge von Gerichtsverfahren. Da ist der Fall Marcel H. keine Ausnahme“, sagt Müller. Besteht der Verdacht, dass ein psychisches Leiden, wie Depression oder Schizophrenie, zu einer Straftat geführt hat, kann ein MRT-Bild Aufschluss geben, ob dieses organisch bedingt ist, etwa durch Tumore oder Durchblutungsstörungen. Damit endet ihr Einsatzgebiet aber auch schon, die meisten psychiatrischen Krankheitsbilder erteilten der Morphologie keine Auskunft. Und funktionelle Gehirnuntersuchungen sind wiederum hierzulande umstritten: „Ihr Einsatz ist auf spezielle Einzelfragen begrenzt“, sagt Müller.

          Zu einer MRT-Untersuchung, wie jetzt im Fall Marcel H., kommt es in deutschen Gerichtsverfahren allerdings nur selten. Wenn ein Gutachter kein auffälliges Verhalten beobachtet, etwa Stimmungsschwankungen oder Wahn, wird der Einsatz gar nicht erst für notwendig erachtet. In den Vereinigten Staaten ist es hingegen üblicher. Allein im Jahr 2012 argumentierten 250 Angeklagte, dass ihr Gehirn sie zu ihrem Fehlverhalten veranlasste. Eine MRT-Aufnahme wird häufig dann vorgenommen, wenn die Angeklagten jung sind: Bis Anfang 20 ist bei den meisten Menschen das Frontalhirn, das eine wichtige Rolle bei der Verhaltenskontrolle spielt, noch nicht voll entwickelt. Deshalb kann sich der Reifegrad darauf auswirken, wie gut ein Mensch etwa Aggression, Wut oder Trauer unterdrücken kann. Jürgen Müller würde sich wünschen, dass man diesen Aspekt auch an deutschen Gerichten stärker berücksichtigt.

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