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Geheimnisvolles Baumharz : Heilende Wirkung von Weihrauch entschlüsselt

  • -Aktualisiert am

Weihrauch ist im Oman nach wie vor ein hochbezahltes und begehrtes Handelsgut. Bild: Helmut Fricke

Außer für kultische Zwecke wurde Weihrauch schon in der Antike als Wirkstoff genutzt. Doch erst jetzt haben Wissenschaftler aus Jena die molekulare Ursache für die schmerzstillende und entzündungshemmende Wirkung des Baumharzes entschlüsselt.

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          „Am folgenden Tag bedecke die verletzte Stelle mit altem, geschmolzenen Schweinefett, welchem Wachs, Öl, Weihrauch, Zürgelholzspäne und armenischer Bolus zugesetzt worden sind“, heißt es in den medizinischen Schriften Hippocrates’ im Kapitel zur Behandlung von Geschwüren. Es ist eine von vielen Anweisungen, die sich auf die Kraft des Weihrauchs beruft. Denn schon in der Antike setzten Ärzte auf die entzündungshemmende Wirkung des Weihrauchs.

          Dass die heilende Wirkung des Baumharzes schon über alle Zeiten bekannt ist, beschreibt auch das vor drei Jahren erschienene Buch von Hermann P.T. Ammon „Weihrauch – Anwendung in der westlichen Medizin: Historische Anwendung und neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse“. Vom Nervensystem bis zum Auge, den Atemwegen, der Gynäkologie und dem Bewegungsapparat – vom Altertum, Mittelalter und über die Neuzeit bis in die Gegenwart hinein reicht die medizinische Anwendung von Weihrauch.

          Schon allein das Spektrum an heilender Wirkung würde die Entstehung der Weihrauchstraße, der kleineren unbekannten Schwester der Seidenstraße, rechtfertigen. Auf dieser rund 3000 Kilometer langen Strecke wurden zwischen dem dritten Jahrhundert vor Christus und dem zweiten Jahrhundert nach Christus nur für die Stadt Rom auf zehntausend Lastkamelen pro Jahr 1500 Tonnen Weihrauch transportiert.

          Weihrauchbaum (Gattung Boswellia), aufgenommen im Oman.
          Weihrauchbaum (Gattung Boswellia), aufgenommen im Oman. : Bild: Moritz Verhoff

          Hippocrates war nur einer von vielen, der die entzündungshemmende Wirkung des Weihrauchs schätzte. So schreibt auch Hildegard von Bingen in einem Rezept für eine Salbe zur Behandlung von Geschwüren und Krätze: „Man füge etwas neuen Weihrauch und Schwefel dazu und frisches Schweineschmalz.“

          Bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein war Weihrauch ein anerkannter Wirkstoff und Teil des Deutschen Arzneibuchs. Danach verschwand die Substanz für einige Zeit von der Bildfläche und erhielt erst einige Jahrzehnte später ihr Comeback: Seit dem Jahr 2008 ist Weihrauch nun auch im Europäischen Arzneibuch aufgeführt. Seine abermalige medizinische Berühmtheit erlangte die Substanz zu großen Teilen dank neuen Erkenntnissen der Wissenschaft. Den Auftakt hierfür lieferte der Tübinger Pharmakologe und Toxikologe Hermann Ammon, der 1991 die Boswelliasäure als den entzündungshemmenden Wirkstoff des kostbaren Baumharzes entdeckte.

          Überzeugende Ergebnisse in der Petrischale

          Eine Arbeitsgruppe um Oliver Werz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der bereits seit einigen Jahren an der Boswelliasäure forscht, hat nun zusammen mit amerikanischen Kollegen von der Louisiana State University, der Cornell University und dem Argonne National Laboratory die molekulare Wirkungsweise der Boswelliasäure aufgedeckt. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie kürzlich in der Zeitschrift „Nature Chemical Biology“.

          Strukturmodell des Enzyms 5-Lipoxygenase (5-LOX). In gelb die gebundene Boswelliasäure aus Weihrauchextrakt.
          Strukturmodell des Enzyms 5-Lipoxygenase (5-LOX). In gelb die gebundene Boswelliasäure aus Weihrauchextrakt. : Bild: Marcia E. Newcomer

          Bereits bekannt war, dass die Weihrauchsäure das Enzym 5-Lipoxygenase angreift, welches die Bildung von Entzündungsbotenstoffen im Körper fördert. Den Wissenschaftlern um Werz gelang es jetzt erstmals, die Kristallstruktur des Enzyms abzubilden und so zu erkennen, wo und wie dieses Protein gehemmt wird. Dabei verglichen sie zwei natürliche Wirkstoffe. Die aus dem Weihrauch stammende Boswelliasäure und die vom Kreosotbusch kommende Nordihydroguajaretsäure (NDGA). Beide Säuren hemmen die 5-Lipoxygenase, doch, wie die Forscher überraschenderweise feststellten, auf unterschiedliche Weise. Während NDGA wie andere synthetische, bereits auf dem Markt befindliche Entzündungshemmer am sogenannten aktiven Zentrum des Enzyms andockt und es so hemmt, verbindet sich die Boswelliasäure mit einer davon weit entfernten Stelle. Durch die dortige Bindung kommt es zu strukturellen Veränderungen im aktiven Zentrum des Enzyms, wodurch dessen Aktivität ebenfalls gehemmt wird.

          Doch die Wirkung des Weihrauchs ist noch weitreichender. Statt lediglich die Bildung von Entzündungsbotenstoffen zu boykottieren, schafft es das Baumharz, auch die Spezifität der 5-Lipoxygenase zu verändern. „Der Weihrauchinhaltsstoff programmiert das Entzündungsenzym zu einem entzündungsauflösenden Enzym um“, erklärt Jana Gerstmeier, eine der Hauptautoren der Studie. Statt also die Entzündung zu fördern, wirkt das Enzym unter Einfluss von Boswelliasäure der Schadensquelle direkt entgegen. Die Verschiebung der Regiospezifität des Enzyms, also seines Katalysationsziels, zeigte sich vorwiegend in intakten Zellen, weshalb die Forschergruppe die Wirkung des Weihrauchs gezielt in menschlichen embryonalen Nierenzellen und primären Immunzellen untersuchte.

          Die Studienergebnisse weisen den Weg in zwei Richtungen. Sie liefern Erkenntnisse über die 5-Lipoxygenase und wie dieses Enzym bekämpft werden kann, ja sogar wie seine Wirkung ins Positive verkehrt werden könnte. Gleichzeitig zeigen die Untersuchungen, wie wichtig die Boswelliasäure in der Medizin sein könnte. Es bietet sich nun die Möglichkeit, das seit Jahrtausenden bekannte Baumharz in entsprechenden Krankheitsmodellen zu testen, um später vielleicht Medikamente gegen Entzündungserkrankungen auf Weihrauchbasis entwickeln zu können.

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