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Fehlbildungen bei Kindern : Bloß ein Verdacht? Oder mehr?

Thomas Klingebiel, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, im Zentrum für angeborene Fehlbildungen in einem Raum zur Erstversorgung von Neugeborenen. Bild: dpa

In Frankreich wurden mehrere Kinder geboren, denen Finger fehlen oder eine Hand. Das kann Zufall sein. Doch wenn solche Fehlbildungen gehäuft auftreten, stellen sich viele Fragen.

          Ein neuer „Scandale sanitaire“ sorgt in Frankreich derzeit für Aufruhr. Betroffen sind mindestens vierzehn Kinder, denen von Geburt an Finger, Hände oder Unterarme fehlen. Sie leben in drei voneinander entfernten Regionen, in der Bretagne, in den Gebieten von Loire-Atlantique und Rhône-Alpes. Weil ihren Eltern bisher niemand schlüssig erklären konnte, warum auf jeweils kleinem Gebiet auffallend viele Kinder unter ähnlichen Fehlbildungen leiden, werden jetzt alle Fälle wieder aufgerollt.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im ostfranzösischen Department Ain beispielsweise sind sieben Kinder der Geburtsjahrgänge 2009 bis 2014 mit entsprechenden Reduktionsdefekten, wie es Mediziner nennen, bekannt. Ihre Fälle fielen bei dem seit 1973 bestehenden, für ein variierendes Gebiet zuständigen „Registre des Malfomations en Rhône-Alpes“, kurz Remera, auf. Und dort schlug man auch schon vor Jahren Alarm, weil die Häufung in einem Radius von 17 Kilometern ungewöhnlich erschien. Vor zwei Wochen erst kamen noch elf Verdachtsfälle aus den Jahren 2000 bis 2014 hinzu, und es könnten in allen Regionen weitere folgen, wenn die Suche intensiviert und auf ganz Frankreich ausgeweitet wird. Der möglichen Ursache für die „cas groupés“ oder sogenannten Cluster wird in den besagten Regionen jetzt nachgegangen, obwohl die Gesundheitsbehörde „Santé publique France“ Anfang Oktober ihre offiziellen Berichte dazu vorgelegt hat und eigentlich nicht weiterforschen wollte; und ausgerechnet in Ain wurde keine außergewöhnliche Häufung erkannt.

          Die Eltern fühlten sich von den Behörden im Stich gelassen, haben allerdings die französischen Medien auf ihrer Seite, die seit September rege berichten. Allen voran Le Monde: Bereits vor zwei Jahren hatte sich diese Zeitung mit den gehäuft auftretenden Fehlbildungen beschäftigt und die Frage gestellt, ob es sich nur um einen schrecklichen Zufall oder doch einen Cluster handelt, für den es einen Grund geben müsste. Außerdem machte Le Monde im Herbst publik, dass dem Remera – einem von sechs Registern in Frankreich, die rund 19 Prozent der Geburten überblicken – Ende des Jahres wieder einmal die Schließung drohte, weil die öffentliche Finanzierung auslaufen sollte. Der Sturm der Entrüstung war dieses Mal so groß, dass sich Gesundheitsministerin Agnès Buzyn, selbst Medizinerin, in die Diskussion einmischte und sich für den Erhalt engagieren will.

          Suche nach Ursache

          Nichts werde ihnen verborgen bleiben, das versprach nun am vergangenen Dienstagabend auch François Bourdillon, der Generaldirektor von Santé publique France. Bourdillon war nach Guidel in die Bretagne gereist, um sich dort den betroffenen Familien zu stellen. Im näheren Umfeld dieser Ortschaft mit rund 11 500 Einwohnern sind vier Fälle bekannt, darunter die 2012 geborene Tochter von Isabelle Taymans-Grassin, eine Ärztin, die nicht an einen Zufall glauben will, nachdem ihr die Häufung in der Nachbarschaft selbst aufgefallen war. Mit Hilfe der Medien setzt sie sich seither für eine genaue Untersuchung ein.

          „Wichtig wäre natürlich, zu klären, ob es sich tatsächlich um Cluster handelt, also um eine zeitliche beziehungsweise räumliche Häufung“, sagt dazu Katarina Dathe vom Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie an der Berliner Charité. Die vagen Angaben, die bisher in französischen Berichten genannt werden, ergeben ein heterogenes Bild und reichen nach Ansicht der Humangenetikerin keineswegs aus, um auf eine gemeinsame Ursache schließen zu können. Zudem gehe der Großteil der Fehlbildungen, die Kinder von Geburt beeinträchtigen können, auf unterschiedliche Faktoren zurück, die meist nicht näher bekannt sind.

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