https://www.faz.net/-gwz-9w1zr

Gegen Plastikmüll : Essbare Beschichtung hält Früchte frisch

  • -Aktualisiert am

Dies sind keine gewöhnlichen Avocados: Bevor sie durch die Kontrolle laufen, wurde ihnen eine unsichtbare Schutzschicht aufgesprüht. Bild: dpa

Supermärkte halten Früchte jetzt mit einer unsichtbaren Beschichtung länger frisch. Hat die Plastikhülle ausgedient?

          4 Min.

          Die neue Waffe im Kampf gegen das Verderben im Supermarkt ist unsichtbar. Die Kunden würden sie gar nicht bemerken, wären da nicht die Schilder. Seite Anfang der Woche hängen sie an den Regalen mit den Avocados in rund 360 Filialen des Discounters Penny. Die Früchte, so ist dort zu lesen, sind von einer Schutzhülle umgeben. Die soll den unweigerlichen Verfall des Obsts hinauszögern. Der Kunde kann die Hülle nicht sehen, noch kann er sie riechen oder ertasten. Das Schild ist der einzige Hinweis. Die Rewe-Gruppe, zu der Penny gehört, will mit der zusätzlichen Schicht gegen die Verschwendung von Lebensmitteln vorgehen. Die umhüllten Avocados bleiben länger frisch und landen nicht so schnell in der Biotonne, so ist der Plan. Seit Mitte der vergangenen Woche finden sich die beschichteten Früchte auch in einigen hundert Rewe-Märkten. Auch Edeka verkauft derzeit ähnlich behandelte Avocados und Zitrusfrüchte.

          Die Verschwendung von Lebensmitteln ist ein riesiges Problem. Ein Drittel aller Lebensmittel werden weggeschmissen, wie die Vereinten Nationen im Oktober 2019 vorrechneten. Hierzulande landen pro Jahr zwölf Millionen Tonnen Gemüse, Obst und Fleisch im Müll, was ungefähr dem Gewicht von 1200 Eiffeltürmen entspricht. Die Schuld liegt nicht allein bei den Supermärkten. Mehr als die Hälfte dieser Nahrungsmittel werfen die Verbraucher persönlich in die Tonne. Die Schutzhülle soll zumindest einen Teil dieser Verschwendung verhindern. So neu, wie es die deutschen Supermärkten erscheinen lassen, ist die Idee allerdings nicht.Früchte verderben unter anderem, weil sie Wasser verlieren und Sauerstoff ins Gewebe eindringt. Eigentlich tragen sie auf ihrer Haut eine natürliche Schicht aus dem wachsartigen Polyester Cutin, die den Wasserverlust verhindert. Die hat jedoch Löcher und Poren. „Wenn man das jetzt gewissermaßen zukleistert, senkt man den Stoffaustausch mit der Umwelt, und die Frucht trocknet nicht so schnell aus“, sagt Horst-Christian Langowski. Der Physiker forscht an der Technischen Universität München über Lebensmittelverpackungstechniken. Genau so funktionieren auch die Beschichtungen.

          Eine Schutzhülle aus Kernen und Gemüseschalen

          Der Überzug wird, vereinfacht gesagt, aus Zuckerestern, Zellulose und pflanzlichen Ölen gemixt. Er besteht dann aus sogenannten ambiphilen Molekülen. Der Witz an diesen chemischen Strukturen ist, dass ein Teil von ihnen wasserlöslich ist, während ein anderer Teil Wasser abweist. Man kann sie mit Wasser vermischen und diese Lösung kurz nach der Ernte auf die Früchte aufsprühen. Auf der Schale verdampft das Wasser, und die getrockneten Moleküle setzen sich zu einer Schicht zusammen. Die ist stabil genug, dass sie sich nicht ohne weiteres wegreiben oder abspülen lässt. Wie sie im Detail aufgebaut ist und wie gut sie Wasser und Sauerstoff blockiert, hängt von der genauen Zusammensetzung ab. „Diese Rezeptur ist aber meistens ein Geheimnis der Hersteller“, sagt Langowski.

          Es überrascht ihn nicht, dass Rewe und Edeka nun auf diese Technik setzen. Doch der Grund dafür hat wenig mit technischer Innovation zu tun. „Solche Sachen liegen häufig über Jahrzehnte in irgendwelchen Schubladen“, erzählt Langowski. Auch bei der von Rewe genutzten Beschichtung scheint es ähnlich gelaufen zu sein. Sie wird von der britischen Firma Agricoat Natureseal unter dem Namen „Semperfresh“ vermarktet. Wie wirksam dieses Produkt ist, konnte man in der Fachliteratur schon vor mehr als dreißig Jahren nachlesen: Bereits Mitte der achtziger Jahre wurden Studien dazu veröffentlicht. Damit sich eine Technologie durchsetzt, muss auch die Zeit reif sein. Derzeit achten viele Kunden im Supermarkt auf die ökologischen Folgen ihres Konsums. Natürlich sind dann auch die Händler daran interessiert. „Sich mit der Verschwendung von Lebensmitteln und Verlusten in der Lieferkette zu befassen, gehört zu unserer Nachhaltigkeitsstrategie und passt in unseren Zeitgeist“, sagt Patricia Brunn, die bei den Penny-Märkten den Bereich Obst und Gemüse leitet. Das erwarte der Kunde.

          Weitere Themen

          Wenn Denunziation sich lohnt

          Soziale Systeme : Wenn Denunziation sich lohnt

          Wer jemanden anschwärzt kann die Petze aus dem Klassenzimmer sein, ein illoyaler Kamerad oder ein gefeierter Whistleblower. Genauso viele Sichtweisen gibt es auf die Motive von Denunzianten. Eines sticht hervor.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.