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Künstliche Befruchtung : Fehlerhafte Programmierung in der Retorte

  • -Aktualisiert am

Eine medizinische-technische Assistentin kontrolliert im Zentrum für Reproduktionsmedizin in Münster eine Samenprobe. Bild: dpa

Bei künstlich gezeugten Kindern hat man ungewöhnliche Gefäßschäden entdeckt - häufiger als üblich. Liegt es an den Keimzellspendern, oder doch an der Zeugung in der Petrischale?

          Kinder und junge Erwachsene, die künstlich durch In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugt wurden, sollten künftig von Kardiologen als Risikokollektiv „in der Versorgungsplanung berücksichtigt werden“, mahnte der Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Eckard Fleck, unlängst auf dem Europäischen Kardiologenkongress in London. Er tat dies anlässlich der Studienergebnisse, die seine Fachkollegen aus dem Inselspital in Bern dort präsentierten. Das Team um den Schweizer Forscher Urs Scherrer hat das Schicksal von Retortenkindern über fünf Jahre hinweg verfolgt und durchaus beunruhigende Hinweise für Gefäßschäden bei ihnen gefunden. Schon vor Jahren stellten sie beim Vergleich von 65 Retortenkindern mit 57 natürlich gezeugten Kontrollpersonen im Durchschnittsalter von etwa elf bis zwölf Jahren fest, dass bei ersteren die Gefäßwände der Halsschlagader dicker sind, dass die Gefäße starrer, um 25 Prozent weniger dehnbar sind und dass sie auf geringeren Sauerstoffgehalt der Luft mit einem deutlich stärkeren Druckanstieg - nämlich um 30 Prozent - in den zur Lunge führenden arteriellen Blutgefäßen reagieren („Circulation“, Bd. 125, S. 1890). Diese Vorboten eines kranken Gefäßsystems haben Folgen. Die künstlich gezeugten Kinder zeigen nämlich inzwischen deutlich höhere Blutdruckwerte bei Messungen über den ganzen Tag hinweg, wie Emrush Rexhaj aus der Londoner Arbeitsgruppe erläuterte: „Diese Daten sprechen für eine wahrscheinliche Zunahme der Häufigkeit von arteriellem Bluthochdruck in der IVF-Population bereits in jungen Jahren.“

          Fehlerhafte Programmierung der DNA

          Es handelt sich nicht nur um einen robusten Befund, wie Wissenschaftler reproduzierbare und klar signifikante Ergebnisse aufgrund von verlässlichen Daten bezeichnen. Die Arbeitsgruppe von Scherrer liefert zu den epidemiologischen Beobachtungen auch schlüssige Erklärungskonzepte, die diese Gefäßschäden nach Retortenzeugung pathophysiologisch plausibel machen. „Wir wissen, dass nicht nur gegen Ende einer Schwangerschaft, sondern vor allem auch um den Zeitpunkt der Zeugung epigenetisch quasi viel los ist“, sagt Scherrer im Gespräch. Im Zuge epigenetischer Aktivitäten werden die DNA-Stränge unserer Erbsubstanz so markiert, beispielsweise über das Anhängen von Methylgruppen, dass bestimmte genetische Informationen entweder abgelesen oder blockiert werden. Bei künstlich gezeugten Mäusen ist zum Beispiel ein Gen (eNOS) falsch oder gar nicht methyliert, das die Produktion des Enzyms Stickstoffoxidsynthase reguliert. Damit vermindert sich die Expression dieses Enzyms in der Innenwand der Hauptschlagader, dem Endothel der Aorta. Und das hat wiederum zur Folge, dass der Gehalt an Stickoxid (NO), einem bedeutsamen Regulator der Elastizität der Gefäße, verringert ist („European Heart Journal“ Bd. 36, S. 1583). „Kinder, die ähnliche Gefäßschäden infolge einer sogenannten Präeklampsie, einer massiven Blutdruckerhöhung der Mutter, manchmal verbunden mit Krampfanfällen, davontragen, haben später ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden“, sagt Scherrer. Daher komme es darauf an, sämtliche zusätzlichen Risiken - Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel - zu minimieren, wie er auch immer wieder jenen Eltern rät, die sich bei ihm über die möglichen Gefahren einer künstlichen Zeugung kundig machen. Er kann ihnen durchaus aufgrund eigener Studien Mut machen, denn seine Gruppe konnte bereits zeigen, dass sich durch die Gabe von Antioxidantien die Bioverfügbarkeit von NO und auch die Gefäßparameter bei Retortenkindern verbessern ließ („European Journal of Preventive Cardiology“, doi: 10.1177/2047487314535117).

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