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Künstliche Befruchtung : Fehlerhafte Programmierung in der Retorte

  • -Aktualisiert am
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Ein weiterer Angriffspunkt für die frühzeitige Verhinderung von Schäden infolge künstlicher Befruchtung sind die Nährmedien, in denen die Embryonen in der Petrischale schwimmen, bis sie nach einigen Tagen im Mehrzellstadium in die Gebärmutter eingepflanzt werden. „Wir haben es hier mit einer Grauzone zu tun“, umschreibt der Schweizer Kardiologe diplomatisch den wissenschaftlich völlig unkontrollierten Wildwuchs in den reproduktionsmedizinischen Laboren. Es gibt nämlich so gut wie keine Standards, keine definierten Anforderungen, was die Mixtur in den Petrischalen angeht. „Wir haben nur ganz unzureichendes Wissen darüber, wie die Kulturmedien zusammengesetzt sind, auch die industriellen Hersteller rücken letztlich nicht mit Informationen über ihre Zutaten heraus“, beklagt Scherrer. „Die derzeit verwendeten Kulturmedien sind suboptimal“, schlussfolgert deshalb nicht nur er mit weiteren Kollegen aus der Berner Universitätsklinik. Auch eine jüngste Veröffentlichung der Zeitschrift „Human Reproduction“ von Arbeitsgruppen der Universitäten in Maastricht und Amsterdam (Bd. 30, S. 2303) belegt, dass die Zusammensetzung der Nährflüssigkeit Einfluss auf die Genexpression der Embryonen nimmt.

Embryonen in Nährmedien

Als problematisch erachtet Scherrer auch die Praxis in manchen Reproduktionskliniken, die Embryonen länger in den unzureichenden Nährlösungen zu belassen, um dann gleichsam per Selektionsdruck nur die einzupflanzen, die so lange überleben oder dem Aspekt nach den „besten Eindruck“ machen. Dies folgt nur scheinbar der Devise eines „Survival of the fittest“, denn, so Scherrer: „Es wurde inzwischen gezeigt, dass gerade diese äußerlich gut entwickelt scheinenden Embryonen die meisten epigenetischen Dysregulationen aufweisen.“

Und auch an diesem Punkt ließe sich das Schadenspotential verringern. So konnten die Berner Forscher im August dieses Jahres im Mäuseversuch zeigen, dass die Zugabe von Melatonin zu den Kulturmedien im Zeugungslabor die Gefäßschäden und späteren Bluthochdruck verhindern kann. Dazu müsste allerdings erst offen über die mangelhaften Standards in Sachen Nährböden gesprochen, die vermuteten Risiken anerkannt und gemeinsam über Präventivstudien nachgedacht werden. Aber: Obwohl Scherrers Gruppe weltweit die einzige ist, die derart systematisch die Einflüsse der assistierten Befruchtung auf das Herz-Kreislauf-System der so gezeugten Kinder untersucht, hat er bislang noch keine Einladung zu den vielen Kongressen der Reproduktionsmediziner erhalten. „Sie stecken noch ein wenig den Kopf in den Sand“, meint Scherrer, dessen Ergebnisse nicht zuletzt deswegen Diskussionspotential bereithalten, weil sie Argumente dafür liefern, dass die Manipulationen infolge der künstlichen Befruchtung selbst einen Anteil an der Fehlprogrammierung der Embryonen haben. Denn die Berner Forscher fanden bei den Eltern dieser Kinder und bei ihren natürlich gezeugten Geschwisterkindern keine vergleichbaren Gefäßschäden.

Seit langem wird immer wieder zur Entlastung reproduktionsmedizinscher Methoden vorgebracht, das Alter der Mutter, die Krankheiten der Eltern oder die Unfruchtbarkeit selbst seien für die Handicaps der Kinder verantwortlich, etwa für die erhöhte Fehlbildungsrate oder die erhöhten Risiken unter der Geburt. Präventiv zum Schutz der im Labor gezeugten Kinder forschen lässt sich allerdings nur dann, wenn man das Mantra aufgibt, diese Schäden seien ohnehin unausweichlich. Seit langem plant das Schweizer Team eine Kohortenstudie, mit deren Hilfe nicht zuletzt prospektive Eltern mehr Informationen über mögliche Schäden und Präventionsmöglichkeiten im Rahmen einer In-vitro-Fertilisation erhalten würden. Bislang konnte sich jedoch noch keine forschungsfördernde Institution zu deren Finanzierung durchringen.

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