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Geburtsmedizin : Warnung vor der Hausgeburt

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Eine britische Studie zeigt deutlich, dass Entbindungen in Kliniken sicherer für das Kind sind. Das gilt offenbar nicht nur für Erstgebärende.

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          Ob ein Kind zu Hause oder besser in einer Klinik zur Welt kommen sollte, ist offenbar nicht einfach zu beantworten. Selbst ein und dieselben Daten werden zu widersprüchlichen Empfehlungen verwendet, wie jetzt das Deutsche Ärzteblatt vorführt. Der Anlass: In einer aktuellen britischen Studie wurden Daten von rund 57 000 Frauen aus ganz England ausgewertet, die planmäßig und zeitgerecht ein Kind entbunden hatten. 17 000 brachten das Kind zu Hause zur Welt, 10 000 in einem Geburtshaus, das sich in der Hälfte der Fälle in unmittelbarer Nachbarschaft einer Klinik befand, und 30 000 hatten sich in ein Krankenhaus begeben. Nicht eingeschlossen waren zum Beispiel jene Schwangere, bei denen wegen Vorerkrankungen ein Kaiserschnitt von vornherein eingeplant werden musste.

          Die Komplikationsrate war insgesamt gering und betrug 4,3 Ereignisse auf 1000 Geburten. Dazu zählten der Tod des Kindes vor oder unter der Geburt, schwere Hirnschäden des Neugeborenen, das Einatmen von kindlichem Darminhalt, Armnervenlähmungen oder Knochenbrüche am Oberarm und am Schlüsselbein. Deutliche Unterschiede gab es vor allem bei den Erstgebärenden: Während bei diesen in der Klinik in 5,3 von 1000 Geburten eines der genannten Ereignisse vorkamen, waren es bei den Hausgeburten 9,3. 45 Prozent der Erstgebärenden, die außerhalb einer Klinik eine Geburt begannen, mussten schließlich doch ins Krankenhaus verlegt werden.

          „Hausgeburten sind risikoreich“

          Dieser Anteil lag bei zwölf Prozent, wenn die Schwangere bereits andere Kinder geboren hatte. Das Deutsche Ärzteblatt beschwichtigte zunächst mit dem Hinweis, es gebe "derzeit keinen Grund, Frauen die eine oder andere Entbindung zu empfehlen". Einige Tage später warnte es indes unter Berufung auf die deutschen Gynäkologen: "Hausgeburten sind risikoreich". Bereits die Tatsache, dass über eine einzige Erhebung zweimal unter verschiedenen Vorzeichen berichtet wird, zeigt: Hier ist Ideologie im Spiel. Das macht den werdenden Müttern die Entscheidung nicht eben leichter.

          Hierzulande gibt es nur wenige Studien, die die Qualitätsunterschiede zwischen Klinikgeburten und solchen außerhalb einer Klinik - etwa in den von Hebammen geleiteten Geburtszentren oder zu Hause - beziffern könnten. Die Pressesprecherin des Deutschen Hebammenverbandes, Edith Wolber, verweist auf die jüngste Pilotstudie, die Vergleiche zwischen Klinikgeburt und außerklinischen Geburten für das Land Hessen liefert (www.gkv-spitzenverband.de/PM_20111202_Hebammenstudie.gkvnet), sowie auf den Qualitätsbericht für Außerklinische Geburtshilfe (www.quag.de). Danach beginnen in Deutschland deutlich weniger Frauen, nur etwa zwei Prozent aller Schwangeren, die Geburt außerhalb einer Klinik. Das waren im Jahr 2009 rund 10 000. Rund fünfzehn Prozent von diesen wurden dann doch in eine Klinik verlegt, weil sich Komplikationen ergaben, die anders nicht zu beherrschen waren.

          Auch Gefahren für Mehrfachgebärende

          Ein Großteil dieser Verlegungen wurde zwar innerhalb einer halben Stunde bewerkstelligt. Das kann für eine Frau in den Wehen dennoch eine ausgesprochene Belastung bedeuten. Die Risiken für das Kind zu beziffern, ist hierzulande weit schwieriger. So blieben beispielsweise in der hessischen Pilotstudie Geburtsverletzungen der Kinder unberücksichtigt.

          Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sieht in der britischen Studie nicht nur eine weitere Bestätigung dafür, dass Hausgeburten mehr Risiken für Mutter und Kind bergen. Sie warnt auch davor, die Gefahren für Mehrfachgebärende herunterzuspielen: "Auch bei einer Mehrfachgebärenden kann es ohne Vorwarnung zu massiven Blutungen kommen. Die Risiken einer Geburt sind vorab nie hundertprozentig einzuschätzen", gibt Klaus Friese, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, zu bedenken. Die Gesellschaft spricht sich eindeutig gegen eine Unterstützung von Hausgeburten und solchen in klinikfernen Einrichtungen aus.

          Trend zur Klinikgeburt

          Europaweit zeichnet sich ein eindeutiger Trend hin zur Klinikgeburt ab. So wiesen die Niederlande traditionell mit dreißig Prozent die höchste Rate an Hausgeburten in Europa auf, die zugleich mit der europaweit höchsten Perinatalsterblichkeit einherging. Diese beziffert das Risiko des Säuglings unmittelbar vor, während und kurz nach der Geburt und gilt allgemein als Anhalt für die Qualität der Geburtshilfe. In Holland erfolgt jedoch seit Jahren eine stetige Abkehr von der Hausgeburt, inzwischen kommen nur noch zwanzig Prozent der Kinder außerhalb einer Klinik zur Welt. Portugal setzte auf eine Bündelung der Geburtshilfe in großen Zentren und konnte die Perinatalsterblichkeit erheblich verringern, das Land rangiert inzwischen vor Deutschland. Die europaweit sicherste Geburtsmedizin hat Norwegen vorzuweisen, wo alle Entbindungen in Kliniken stattfinden.

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