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Risiko OP-Entbindung? : Ein guter Kaiserschnitt macht kein Kind krank

  • -Aktualisiert am

Immer mehr Frauen bringen ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt. Bild: dpa

Was dran ist an alten, populären Gerüchten um die OP-Entbindung, zeigen neue Studien: Für Autismus, Asthma oder Diabetes muss es andere Gründe geben.

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          Immer mehr Frauen entbinden per Kaiserschnitt, sei es, weil Erstgebärende immer älter werden, Geburten immer öfter wegen Vorerkrankungen der Schwangeren mit Risiken behaftet sind, oder weil sich Frauen immer häufiger bewusst für eine Kaiserschnittgeburt entscheiden. Für Eltern, deren Kind nach einer Sectio das Licht der Welt erblickt, bedeuten die nicht selten unkritisch vorgebrachten Warnungen vor den Langzeitfolgen eines Kaiserschnitts eine große Verunsicherung. Müssen ein Drittel aller Eltern - so hoch ist der Anteil der Kaiserschnittgeburten in Deutschland wie in vielen Ländern - tatsächlich fürchten, ein Kaiserschnitt erhöhe für ihr Kind das Risiko, später chronisch krank zu werden und eher eine Diagnose wie Autismus, Asthma oder Diabetes zu erhalten?

          Vor allem der Autismus scheint auch im Zusammenhang mit der Sectio seinem unrühmlichen Ruf als „Angstmacher“ gerecht zu werden. Schon Impfgegner brachten ihn vor vielen Jahren bewusst mit der Masernimpfung in Verbindung, um diese schlecht zu reden. Da bedeutet es für viele Mütter und Väter eine Entlastung, dass jetzt eine aktuelle, methodisch äußerst verlässlich angelegte Studie aus Schweden Entwarnung gibt. Dank der nahezu lückenlosen Datenerfassung im schwedischen Gesundheitssystem konnten aus fast 2,7 Millionen Menschen, die zwischen 1982 und 2010 in Schweden geboren wurden, 28 290 Patienten mit der Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) identifiziert werden. 13 411 von ihnen hatten Geschwister ohne eine solche Diagnose und bei 2555 Geschwisterpaaren war eines mittels Kaiserschnitt und das andere auf natürliche Weise entbunden worden. Fazit der Auswertung: Der Kaiserschnitt als solcher erhöht das Risiko für eine spätere autistische Störung nicht („JAMA Psychiatry“, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2015.0846).

          Andere Gründe

          Wenn man lediglich zählt, wie viele Kinder mit einer solchen Diagnose prozentual unter den Kaiserschnittkindern sind und wie viele unter denen, die auf vaginalem Weg zur Welt kamen, so sind es nach Sectio zwar mehr. Das hat aber andere Gründe: „Bei ungefähr 30 Prozent der Kinder, deren Autismus genetisch bedingt ist, findet man auch einen größeren Kopfumfang“, erklärt Christine Freitag, die Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Universitätsklinik in Frankfurt am Main. „Zudem gibt es Hinweise, dass diese Kinder nicht so aktiv bei der Geburt mitmachen wie gesunde Kinder, vermutlich, weil ihr Muskeltonus verringert ist.“ All dies mindert bereits die Chancen, dass eine natürliche Geburt gelingen kann. Dann ist es nur logisch, dass autistisch veranlagte Kinder häufiger per Kaiserschnitt entbunden werden müssen, und dass mithin unter Kaiserschnittkindern eher solche sind, die eine Autismus-Diagnose erhalten. Ähnlich wirkt es sich aus, dass ältere Mütter, etwa aufgrund der geringeren Dehnbarkeit ihres Bindegewebes, öfter per Kaiserschnitt entbinden. „Gleichzeitig wissen wir, dass ein höheres Alter der Eltern ein wesentlicher Risikofaktor dafür ist, dass Kinder später eine autistische Störung entwickeln“, erläutert die Expertin. So begünstigt ein Faktor - das Alter - beides: sowohl Kaiserschnitt als auch Autismus - und trägt dadurch zu dem Irrtum bei, der Geburtsmodus sei für die spätere Erkrankung verantwortlich.

          Eine Geschwisterstudie eliminiert diese Missverständnisse. Geschwister teilen einen Großteil des Erbgutes, sie wachsen in der gleichen Umgebung - also unter den gleichen Risikobedingungen - auf. Wenn dann eines von ihnen natürlich, das andere per Kaiserschnitt auf die Welt kam, lassen sich beim Vergleich die zugrunde liegenden Verzerrungsfaktoren, die der Statistiker Confounder nennt, herausrechnen. Wenn beide Kinder von derselben Mutter mit denselben Risiken stammen, hilft dies, die falsche Ursachenzuschreibung in klinischen Studien zu eliminieren. Und deshalb fand man in der aktuellen Geschwisterstudie nach Bereinigung der Confounder eben keine Häufung von Autismus nach Kaiserschnitt. Louise Kenny, Frauenärztin an der Universitätsklinik Cork, von wo aus die Studie koordiniert wurde, betont, wie beruhigt Eltern sein können, dass es aufgrund dieser neuen Studie keinerlei Evidenz dafür gebe, dass der Kaiserschnitt Autismus verursache.

          Hilfreiche Geschwisterstudien

          Das gilt nicht nur für Autismus. Auch im Falle von Asthma haben sich Geschwisterstudien als hilfreich für die wissenschaftliche Entkräftung von Fehlurteilen erwiesen. Wie die zustande kommen, zeigt ein Beispiel: Es konnte gezeigt werden, dass Insulin in der Schwangerschaft das Risiko für das Kind, später an Asthma zu erkranken, erhöht.

          Eine diabeteskranke Mutter spritzt sich Insulin, hat aber auch häufiger einen Kaiserschnitt, weil die Kinder von Diabetikerinnen oft überdurchschnittlich groß sind und ihre Gebärmutter nicht so viel Kraft für die Wehen besitzt - beides sind erhebliche Hindernisse für eine natürliche Entbindung. So kommt zwar rein rechnerisch ein Zusammenhang zwischen Kaiserschnitt und Asthma zustande, aber der ist nicht „echt“, es besteht lediglich ein Zusammenhang zwischen der Insulintherapie der Mutter und dem Asthma des Kindes. Die Kinderärztin Catarina Almqvist von der Astrid Lindgren Kinderklinik in Stockholm konnte ähnlich wie ihre Kollegen in Cork nach der Auswertung der Daten von 87 000 Geschwisterpaaren zeigen, dass zwar ein Notkaiserschnitt nach einer ungünstig verlaufenden natürlichen Geburt das Asthmarisiko der so geborenen Kinder erhöht, nicht jedoch ein elektiver Kaiserschnitt, der bewusst und ohne Versuch einer natürlichen Geburt unternommen wurde („Clinical & Experimental Allergy“, Bd. 42, S. 1369). Das spreche eher dafür, dass zum Beispiel Vorerkrankungen, die eine natürliche Geburt erschweren, die Entwicklung von Asthma befördern, aber gegen den Kaiserschnitt als Verursacher, betonen die Forscher. Eine erst kürzlich publizierte chinesische Studie aus Hongkong stützt dieses Ergebnis. Hier zeigte sich nämlich, dass Kinder, deren natürlicher Geburtsverlauf besonders schwer und problematisch war, so dass sie mittels Zange oder Saugglocke herausgezogen werden mussten, auch ein erhöhtes Risiko für eine spätere Asthmaerkrankung hatten („Journal of Asthma“ Bd. 52(1), S. 16). Vor allem entkräftet dies die Hypothese, dass die Kinder, die im Geburtskanal mit den Bakterien der mütterlichen Scheidenflora in Kontakt kommen, immunologisch kompetenter seien, und deshalb weniger zu Erkrankungen neigten, die auf eine gestörte Abwehr zurückgeführt werden. Kinder, die per Zange oder Saugglocke geholt werden müssen, stecken sogar besonders lange im Geburtskanal fest, müssten theoretisch also sogar ein besonders gut funktionierendes Immunsystem besitzen. Die jüngsten Ergebnisse sprechen aber eher dafür, dass schwierige Geburtsverläufe, die dann in einen Kaiserschnitt oder eine Zangengeburt münden, auf ein inhärentes Risiko hindeuten und es nicht auf den Weg ankommt, auf dem ein Kind das Licht der Welt erblickt. Das gilt nicht zuletzt für den Typ-1-Diabetes, ebenfalls eine Erkrankung, für dessen Zunahme häufig die höheren Kaiserschnittraten mitverantwortlich gemacht werden. Auch hier konnte die Gruppe um Almqvist mittels einer Geschwisterstudie zeigen, dass nichts vom erhöhten Risiko durch Kaiserschnitt übrig bleibt, wenn man die entsprechenden Confounder berücksichtigt („Pediatrics“ Bd. 134/3, S. e806).

          Für die Frankfurter Chefärztin Christine Freitag haben diese aufwendigen Geschwisteranalysen nicht zuletzt den positiven Effekt, dass sie den Müttern von tatsächlich erkrankten Kindern Schuldgefühle nehmen können. Nicht, weil sie per Kaiserschnitt geboren haben, ist ihr Kind erkrankt, es wäre ebenso erkrankt, wenn die Geburt natürlich verlaufen wäre.

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