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Geburtshilfe : Wie der Kaiserschnitt zum Klassiker wurde

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Ein Kind, per Kaiserschnitt geboren in der heutigen Zeit Bild: dpa

Ferdinand Adolf Kehrer schuf 1881 die Grundlagen des heutigen Kaiserschnitts. Seine chirurgische Pionierleistung macht die Schnittentbindung bis heute zu einer echten Alternative für Schwangere.

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          Man stelle sich vor: Ein Ordinarius und Chef einer Universitätsfrauenklinik packt sein Operationsbesteck ein, Nahtmaterial und Karbolschwämme, ruft zwei seiner Chirurgen dazu und zusammen fahren sie mit dem Zug über Land in ein kleines Dorf, um einer Schwangeren und ihrem Kind das Leben zu retten. Hausgeburten gibt es noch, auch lebensgefährliche, bei denen die Hebamme überfordert ist. Klinikchefs, die über Land zu einem Patienten fahren, gibt es nicht mehr. Der, der das seinerzeit tat, Ferdinand Adolf Kehrer, war wenige Monate zuvor zum Leiter der Frauenklinik an der Universität Heidelberg berufen worden. Er nahm an der Patientin Emilie Schlusser in dem kleinen Ort Meckesheim bei Heidelberg im Jahr 1881 zum ersten Mal eine Variante des Kaiserschnitts vor, die schließlich weltweit zum Standardverfahren avancieren sollte – und das cum grano salis bis heute. Weltweit werden heute 18,5 Millionen Kaiserschnitte jährlich vorgenommen („Lancet“, Bd.382, S.188).

          Den Ruhm, der ihm gebührte, erntete der bescheidene Frauenarzt, dessen Tod sich 2014 zum 100. Male jährt, bis heute nicht in gebührendem Maße. Andere Namen wurden mit der von ihm beschriebenen und erstmals umgesetzten Operation in Verbindung gebracht und geehrt. Dennoch – es war die von ihm entwickelte Operationsvariante, die den Grundstein dafür legte, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Sterberate bei Kaiserschnitten dramatisch zurückging, einige Operateure konnten von einer damals sensationell niedrigen Sterberate von zwei Prozent berichten. Um zu ermessen, was dies bedeutete: Je nach Erhebung betrug die Sterblichkeit des Kaiserschnitts zu Kehrers Zeiten im günstigsten Fall „nur“ sechzig bis siebzig Prozent – in Wien überlebte aber zum Beispiel bis 1877 keine Frau den Kaiserschnitt, in Kurhessen, Nassau und Württemberg lag die Sterblichkeit bei 84 Prozent. Im Verbund mit der sich durchsetzenden Asepsis gelang es mittels dieser modernen Schnittführung, die operative Entbindung für Frauen, die auf keine andere Weise ihr Kind zur Welt bringen konnten, zu einer echten Alternative zu machen. Das Vorgehen Kehrers markiert eine Revolution in der Geburtshilfe, die bis heute fortwirkt und mitgeholfen hat, dem Gebären seinen lebensbedrohlichen Schrecken zu nehmen.

          Nur ein Kaiserschnitt konnte helfen

          Emilie Schlusser war zum vierten Mal schwanger, als am 24. September 1881 nachmittags um zwei Uhr die Wehen einsetzten. Drei Kindern hatte sie zuvor auf natürlichem Weg das Leben geschenkt. Eine Knochenerweichung hatte danach jedoch ihr Becken so verformt, dass es für eine weitere Geburt zu eng geworden war. Der Arzt, der am nächsten Tag hinzugezogen wurde, Dr. Schütz aus Neckargemünd, stellte fest, dass, wenn überhaupt, nur ein Kaiserschnitt Mutter und Kind retten konnte, und alarmierte per Telegramm Kehrer in Heidelberg. Zur Beruhigung der Wehen verabreichte Schütz erst einmal Morphium. Um fünf Uhr nachmittags traf Kehrer mit seinem Team ein. Dr. Schütz fixierte die Gebärmutter, ein Chirurg übernahm die Chloroform-Narkose, ein zweiter „die Darreichung der Instrumente“, wie Kehrer in seiner ausführlichen Beschreibung des Hergangs festhält. Zusätzlich assistierten zwei Hebammen. Kehrer veröffentlichte den Fallbericht später unter dem Titel „Ueber ein modifiziertes Verfahren beim Kaiserschnitte“ in der Fachzeitschrift „Archiv für Gynäkologie“ im Jahr 1882 (Bd.XIX, Heft 2, S. 1-33). Die Ärzte „fanden bescheidene Räume vor“, aber darauf kam es nicht an. „Sofort wurden dann die nöthigen Vorbereitungen getroffen: zwei Hängelampen, eine Stehlampe und mehrere Stearinkerzen besorgt, der (einzige) kurze Tisch mit Leintücher und Kissen versehen und davor ein Stuhl für die Beine der Kreissenden gestellt, die Instrumente in Carbolwasser gelegt, der Handspray hergerichtet und die Kreissende vorbereitet“, heißt es in der anschaulichen und detailreichen Schilderung.

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