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Glosse: Das geschenkte Jahr : Gaggenau will älter werden

Steinalt und putzmunter, das geht: Emma Morano, die derzeit älteste Frau der Welt, zu Hause in Verbania am Lago Maggiore. Bild: AFP

Eine westdeutsche Kleinstadt will jedem Bürger ein Jahr mehr Lebenszeit schenken, dank erstklassiger medizinischer und seelischer Unterstützung. Ein „Experiment“ mit Wenns und Abers – und einer Erfolgsgarantie auf Krücken.

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          In der lieblichen, wenn auch etwas industrielastigen Gemeinde Gaggenau im äußersten Westen der Republik schreckt der hässliche Begriff Greisenrepublik keinen mehr. Hier gilt das Alter als ein Geschenk, ganz so, wie man sich das wünscht. Und mit Geschenken geht man sorgsam um. Dankbarkeit als Triebfeder, das könnte durchaus hinter jenem denkwürdigen „Experiment“ stecken, das Anfang dieser Woche von den Gaggenauern öffentlich gemacht wurde und auf eine Initiative der Großen Kreisstadt mit den Universitätskliniken Heidelberg-Mannheim, Tübingen und dem Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit zurückgeht. „Ein gutes Jahr für jeden Bürger“ heißt das Experiment, das nicht weniger als ein Pionierprojekt sein soll. Gaggenau als Musterstadt der Alternsforschung. Älterwerden mit allen psychosozial-medizinischen Schikanen, angefangen bei der Gesundheitsprävention im Kindergarten bis zur Vernetzung der Pflegeplätze.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Natürlich kann man das so lesen wie mancher visionäre Beobachter und Bewohner, die das Projekt als einmaliges medizinisches Großvorhaben zur Lebensverlängerung interpretiert haben. Projektziel: ein Jahr mehr für jeden Einwohner. Macht 30 000 geschenkte Jahre allein in Gaggenau. Kein Pappenstil, denkt man und ist, rechnet man das hoch auf die zweiundachtzig Millionen im Land, durchaus geneigt, von der Mondlandung für die Medizin zu sprechen. Die 350 000 Euro aus Landesmitteln scheinen jedenfalls gut angelegt. Etwas mehr als zehn Euro pro Bürger und Lebensjahr, das ist preiswert; in der Krebsmedizin sind heute schnell mal hunderttausend Euro weg für ein paar Wochen Lebensverlängerung. Andererseits: Wenn die neuesten statistischen Daten zur Demographie stimmen, ist die Lebenserwartung im Land für Mädchen um anderthalb Jahre auf 83,1 und für Jungen gar um zweieinviertel Jahre auf 78,1 Jahre gestiegen - in nur zehn Jahren und ganz ohne „Experiment“.

          Maximalalter 115 Jahre

          Im renommierten Medizinerblatt „Lancet“ war das Ganze kürzlich für die Weltbevölkerung ermittelt worden und sagenhafte zehn Jahre Lebenszeitgewinn seit Anfang der achtziger Jahre festgestellt worden. Wir dürfen zu Recht annehmen, dass die meisten heutigen Gaggenauer damals schon auf der Welt waren und damit auf eine beachtliche Lebensverlängerung zurückblicken dürfen - wie gesagt: ohne jedes Experiment. Als Gaggenauer müsste man deshalb, wenn der Pionierrang des Projekts ernst genommen werden soll, von einer Beschleunigung ausgehen dürfen. Ein Jahr mehr bis 2020 zum Beispiel wäre bei aller Bescheidenheit das Mindeste an Zugewinn. Das ist zumindest ein Anfang. In ein paar Generationen wären dann, wenn wir die jüngste „Nature“-Publikation ernst nehmen, alle Gaggenauer bei den ominösen 115 Jahren, die nach dieser Studie für den Menschen als biologisch erreichbar angenommen werden. Und was dann?

          Man denkt und denkt und denkt, so hatte Ephraim Kishon das Altwerden treffend beschrieben, und plötzlich kann man sich an nichts mehr erinnern. Das wünschen wir den greisen Gaggenauern natürlich nicht, die sich dann hoffentlich ihr Experiment „Ein gutes Jahr für jeden Bürger“ noch mal durch den Kopf gehen lassen und es anders deuten, als es die Nachrichtenagenturen nun in die Welt hinaustragen. Nicht jedes zusätzliche Jahr muss nämlich besser sein. Manchmal reicht schon ein Jahr, das sich gut anfühlt, um sich über ein gewonnenes Lebensjahr zu freuen. Und für diese Erfahrung braucht es nicht mal die moderne Universitätsmedizin.

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