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Fußball-Pharmakologie : Völlig schmerzfrei

  • -Aktualisiert am

Bild: Jan Bazing

Auf Koffein oder Nikotin müssen die Fußballspieler nicht verzichten. Greifen sie jedoch zu Medikamenten, riskieren sie fatale Nebenwirkungen.

          5 Min.

          Zunächst waren es nur die Finger, die taub wurden. Krzysztof Nowak dachte sich nicht viel dabei und spielte einfach weiter. Dann fühlte er sich immer schlapper. Als die Gefühllosigkeit seine Arme erfasste, ging er schließlich zum Arzt. Vier Monate nach den ersten Symptomen folgte im März 2001 die niederschmetternde Diagnose: amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Das ist eine unheilbare Krankheit des Nervensystems, die den Maler Jörg Immendorff das Leben kostete und den Physiker Stephen Hawking seit Jahren an den Rollstuhl fesselt. Auch Nowak konnte die Partien seines VfL Wolfsburg bald nur noch stumm vom Rollstuhl neben der Trainerbank aus verfolgen. Im Mai 2005 starb der polnische Spielmacher. Mit 29 Jahren.

          Schon 1939, als das Nervenleiden das erste Mal Schlagzeilen machte, ging es um einen Sportler: Ihm zu Ehren wird die ALS in den Vereinigten Staaten Lou-Gehrig-Syndrom genannt; der berühmte Baseball-Star starb ebenfalls jung. Später, um die Jahrtausendwende erkrankten in Italien auffällig viele Fußballer, fast monatlich berichteten die Zeitungen von einem weiteren Spieler, den die ALS nach dem Ende der Karriere in den Rollstuhl zwang. „Die finstere Seite des italienischen Fußballs“ nannte das Medizinjournal „Lancet Neurology“ damals dieses Leiden. Auf die Spur dieses Skandals war ein unter Fußballern gefürchteter Staatsanwalt gestoßen. Raffaele Guariniello war während seiner Ermittlungen im Turiner Doping-Sumpf so geschockt von den konsumierten Medikamentenmengen, dass er sich in den Akten von 30.000 Exprofis auf die Suche nach bleibenden Schäden machte. Darin stieß er ungewöhnlich oft auf Leberkrebs, Leukämie - und eben auf amyotrophe Lateralsklerose. Guariniello spürte 51 erkrankte Fußballer auf. Das waren zehnmal mehr, als in der Normalbevölkerung zu erwarten wären.

          Als Ursache vermutet der Jurist den hohen Schmerzmittelkonsum der Spieler. In diese Richtung deuten auch einzelne Laborversuche. Andere Sportler scheinen ebenfalls betroffen zu sein, aber nicht alle Studien kommen zu den gleichen Ergebnissen. Zur Klärung der Frage fordern Experten deshalb größere umfangreichere Studien. Sollten diese Guariniellos These bestätigen, hätte der Fußball ein riesiges Problem.

          Alarmierende Unwissenheit

          Der Fußball-Weltverband nahm sich bereits die WM-Turniere 2002 bis 2014 vor und prüfte, wie oft die Spieler Medikamente nahmen. Fifa-Arzt Jiří Dvořák und sein Team interessierten sich besonders für nichtsteroidale Antirheumatika, kurz NSAR. Diese Mittel, wie Ibuprofen, Diclofenac, Aspirin oder Celebrex, sind in jeder Hausapotheke zu finden. Sie wirken, indem sie die Bildung des Entzündungshormons Prostaglandin hemmen. Die Hälfte der WM-Teilnehmer, das ermittelten die Wissenschaftler, hatte mindestens einmal ein solches Medikament geschluckt, rund ein Drittel sogar vor jedem Spiel. In Jugendturnieren lag die Einnahmequote bei 43 Prozent. Von den deutschen WM-Spielern griff 2014 mindestens jeder Fünfte dazu. Für „alarmierend“ hält Dvořák die Ergebnisse, besonders weil die Sportler hinsichtlich der Nebenwirkungen meist nicht wussten, was sie da schluckten.

          Wenn es um erlaubte Substanzen geht, werfen Fußballer alles Mögliche ein, nach dem Motto „Hauptsache Energy“. Koffeintabletten werden in Massen konsumiert, ebenso Nikotin, wie Doping-Labore berichten. Nahrungsergänzungsmittel stehen auf dem Speiseplan der meisten Athleten. Umstritten, aber in Deutschland legal ist auch das Kälbermastmittel Actovegin, das etwa der Münchner Orthopäde Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt bei Muskelverletzungen verabreicht.

          Vom Sport begeisterte Kinder wachsen in eine Medikamentenkultur hinein, so dass bereits junge Talente die Einnahme irgendwelcher Mittel nicht nur als selbstverständlich erachten, sondern meinen, ohne Pille gar nicht spielen zu können. Von einer solchen psychischen Abhängigkeit abgesehen, haben Schmerzmittel aber recht erhebliche Nebenwirkungen, selbst wenn man das Thema ALS ausklammert.

          Das letzte Notsignal des Körpers

          Kay Brune, einst Chef der Pharmakologie der Universität Erlangen-Nürnberg, fragte einmal bei fast 4000 Teilnehmern des Marathons in Bonn den NSAR-Konsum und den Gesundheitszustand ab. Die Hälfte hatte bereits vor dem Lauf Schmerzmittel genommen. Von den derart Präparierten litt etwa jeder Sechste während oder nach dem Wettkampf unter Nebenwirkungen wie Bauchkrämpfen, Herzbeschwerden, Magenblutungen oder Nierenproblemen. Neun mussten deshalb sogar ins Krankenhaus.

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