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Frühgeborenen-Retinopathie : Hoffnung für Frühchen

  • -Aktualisiert am

Bild eines normalen Augenhintergrunds, links die Einmündung des Sehnerves Bild: Universitäts-Augenklinik Tübingen

Wer vorzeitig das Licht der Welt erblickt, trägt das Risiko, zu erblinden. Eine neue Therapie könnte helfen - doch bisher wird sie überwiegend bei Alten eingesetzt.

          5 Min.

          Als vor einigen Monaten der amerikanische Kinderarzt Leroy Hoeck im Alter von 97 Jahren starb, erinnerten Nachrufe an das detektivische Gespür, das Hoeck mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor als junger Arzt an den Tag gelegt hatte. Hoeck war dem Preis des medizinischen Fortschritts auf die Spur gekommen - eines Fortschritts, der den allerjüngsten Patienten erstmals eine Lebenschance gab.

          Mit dem Inkubator, in dem zu früh geborene Babys mit Sauerstoff in erhöhter Konzentration versorgt wurden, war eine neue Epoche in der Neonatologie angebrochen, jener medizinischen Disziplin, die sich der Betreuung Neugeborener widmet - auch jener, die zu früh auf die Welt kommen.

          Als Arzt am Gallinger Hospital in Washington betreute Hoeck einen kleinen, viel zu früh geborenen Jungen, der sich dank des "Brutkastens" trotz seines niedrigen Geburtsgewichts von weniger als tausend Gramm gut entwickelt hatte und aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Einige Monate später sah Hoeck den kleinen Patienten anlässlich einer Kontrolluntersuchung wieder - der Junge war blind. Noch 50 Jahre später konnte Hoeck in einem Interview seiner Emotionen kaum Herr werden, als er sich erinnerte: "Es war vernichtend. Ich spürte den Drang, die Ursache finden zu müssen."

          Ein Balanceakt

          Hoeck hatte den Sauerstoff im Verdacht, die schweren Veränderungen an der Netzhaut auszulösen, an denen das Baby erblindet war. Zusammen mit dem Augenarzt Arnold Patz verglich er in einer 1952 erschienenen Arbeit 60 Frühgeborene, die im Inkubator konstant Sauerstoff erhalten hatten, mit 60 anderen Babys, denen nur in Notlagen begrenzt Sauerstoff verabreicht wurde - etwa wenn sie Atemnot hatten oder blau anliefen. In der ersten Gruppe erblindeten 12 Kinder, in der zweiten nur eines von jeweils 60 Babys.

          Spätestens jetzt war deutlich geworden, dass dieses bald "Frühgeborenen-Retinopathie" (Retinopathia praematurorum) genannte Leiden keine Rarität war. Fast 10 000 zu früh geborene amerikanische Kinder waren bereits erblindet - eines von ihnen ist der Sänger Stevie Wonder. Seit Hoecks Entdeckung stehen Neonatologen und Augenärzte vor dem Balanceakt, "Frühchen" einerseits zum Überleben zu verhelfen, wofür Sauerstoff unerlässlich ist - und ihnen andererseits das Augenlicht zu erhalten. Die Frühgeborenen-Retinopathie beruht auf einer Störung der Gefäßentwicklung in den Augen der Kinder, deren genauer Mechanismus noch nicht geklärt ist.

          So sind bislang keine kritischen Grenzwerte von Sauerstoffkonzentrationen im Inkubator ermittelt worden, jenseits derer die Gefahr droht. Fest steht, dass das Risiko ansteigt, je unreifer das Kind auf die Welt kommt. "Heute überleben sogar viele Frühgeborene mit einem Gestationsalter von weniger als 24 Wochen und einem Geburtsgewicht von unter 500 Gramm", sagt Volker Seiberth, Chefarzt der Augenklinik am Marienhospital Osnabrück: "Diese extrem unreifen Frühgeborenen haben eine besonders hohes Risiko, eine Frühgeborenen-Retinopathie zu erleiden."

          Screenings unabdingbar

          Fest steht, dass ein vom Sauerstoff abhängiges Enzym, der vascular endothelial growth factor (VEGF), eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielt. Die Frühgeborenen-Retinopathie ist dadurch gekennzeichnet, dass das Wachstum von Blutgefäßen in die Netzhaut hinein zunächst zum Stillstand kommt, in einer zweiten Phase jedoch in überschießendem Maße einsetzt und zur Bildung von zu vielen und vor allem kranken Blutgefäßen, sogenannten Proliferationen führt.

          Diese sogenannten Gefäß-Proliferationen bleiben zunächst im Niveau der unreifen Netzhaut, können dann aber in den Glaskörper vorwachsen, die geleeartige Füllung des Auges - und damit zu einer Netzhautablösung führen. Augenärzte teilen die Frühgeborenen-Retinopathie in fünf Stadien ein, von einer nur mäßigen, in einer weißen Demarkationslinie zwischen durchbluteter und gefäßfreier Netzhaut bestehenden Veränderung (Stadium 1) bis zur vollständigen Ablösung der Netzhaut und damit der Erblindung (Stadium 5).

          Da eine rechtzeitige Therapie der Frühgeborenen-Retinopathie oft einen bleibenden Schaden des Sehvermögens verhindern kann, sind engmaschige Screening-Untersuchungen durch einen erfahrenen Augenarzt unabdingbar.

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