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Frauen in der Chirurgie : Teilzeitarbeit heißt nicht, während der OP das Skalpell fallen zu lassen

  • -Aktualisiert am

Ein Männerjob? Operation am Deutschen Herzzentrum Berlin Bild: dpa

Lange gab es Hindernisse für Frauen, die in der Herzchirurgie Karriere machen wollten. Der Beruf wird nur langsam weiblicher. Und noch immer sitzen die Vorurteile tief.

          Auch die Herzchirurgen, die Vertreter der medizinischen Königsdisziplin, können aus ihrem Hoheitsgebiet Frauen nicht länger ausschließen. Denn der Nachwuchsmangel hinterlässt in ihren Reihen besonders große Lücken. Vorbei sind die Zeiten, da gehuldigte Chefärzte aus einer Schar von männlichen Kandidaten die aussichtsreichsten Jünger auszuwählen vermochten. Körperlich anstrengend und technisch hoch anspruchsvoll, hat die Herzchirurgie generell erheblich an Attraktivität verloren. Denn sie wird den heutigen Vorstellungen einer ausgeglichenen Work-Life-Balance weitaus weniger gerecht als die meisten anderen medizinischen Disziplinen.

          Auf ihrer kürzlich in Freiburg abgehaltenen Jahrestagung haben die Herzchirurgen dem Thema Nachwuchs daher auch viel Platz eingeräumt und, bislang eine Rarität, auch ihren Kolleginnen häufiger das Podium überlassen. Denn es gibt sie: Frauen, die das Fach Herzchirurgie als einen Traumberuf ansehen und sich unbeirrt von den nach wie vor bestehenden Hindernissen hier zu behaupten vermögen. Ohne eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und überdurchschnittliches Durchhaltevermögen lässt sich dies freilich kaum bewältigen.

          „Sie ist ohnehin bald schwanger“

          An beiden Eigenschaften scheint es Kirstin Brehm, Oberärztin am Universitäts-Herzzentrum Freiburg, nicht zu mangeln. „Frauen wollen meistens doppelt so gut sein wie Männer, um nicht als schwach dazustehen“, meint die junge Herzchirurgin, die in nur sechs Jahren den Facharzt absolviert hat. Dass auch Männer hierzu meist sehr viel länger benötigten, beruhe auf der Schwierigkeit, im Operationssaal an die Reihe zu kommen. Handle es sich bei dem chirurgischen Lehrling um eine Frau, kämen mitunter Sprüche wie „Warum soll ich die ausbilden, die wird doch sowieso bald schwanger“. Insgesamt lasse die praktische Ausbildung erheblich zu wünschen übrig. Diese sei extrem unstrukturiert und daher wenig planbar.

          Auch Heidi Niehaus, Oberärztin an der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie der Universitätsklinik Kiel, zählt zu den wenigen Frauen, die in der bisherigen Männerdomäne eine leitende Position innehaben. „Medizin studieren heute zwar mehr Frauen als Männer. Und selbst in der Herzchirurgie sind inzwischen 30 Prozent der Assistenzärzte weiblichen Geschlechts. Weiter oben beginnt es aber stark zu bröckeln“, erklärt die Mutter von zwei kleinen Kindern. Auf Oberarztebene liege der Frauenanteil nur noch bei 10 Prozent. Im Vergleich zu früher sei das freilich ein Fortschritt. So habe sich in den letzten Jahren sich viel bewegt. Anders als Männer würden Frauen bei Einstellungsgesprächen zwar immer noch - freilich nicht direkt - gefragt, wie es um ihre Familienplanung stehe. Eine wachsende Zahl von Kliniken sieht sie zugleich aber bemüht, jungen Müttern mit der Einrichtung von Kitas unter die Arme zu greifen.

          Eignet sich die Herzchirurgie für Teilzeitarbeit?

          Dass sich die Herzchirurgie nicht für Teilzeitarbeit eignet, lässt Niehaus nicht gelten: „Sicherlich, man kann das Messer nicht während des Eingriffs fallen lassen. Es gibt jedoch praktikable Konzepte.“ Sie selbst arbeite 75 Prozent, von Montag bis Donnerstag, was problemlos funktioniere. Eine Voraussetzung sei freilich, dass die Vorgesetzten viel Verständnis und guten Willen aufbringen. Das sieht eine weitere Herzchirurgin, Brigitte Osswald von der Klinik für Kardiovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Düsseldorf, etwas anders: „Wenn man einmal oben angekommen ist, lässt sich ein solches Teilzeitmodell einrichten.“ Während der Ausbildung sei das hingegen nicht möglich.

          In dieser Phase komme das Privatleben meist zu kurz. Denn die unzähligen Nachtdienste und langen Arbeitszeiten ließen sich hiermit schwer in Einklang bringen. Sie liebe zwar ihren Beruf. „Allerdings braucht man dafür schon ein dickes Fell“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen.

          Tiefsitzende Urteile

          Diana Aicher, leitende Oberärztin der Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie der Universitätskliniken des Saarlandes, hält die „Alltagsprobleme einer Herzchirurgin in leitender Funktion“ für weitaus weniger problematisch, als der Titel ihres Vortrags suggerierte. Die Schwierigkeiten, denen sie in ihrem Berufsleben begegne, hätten weniger mit dem Geschlecht als mit der Profession als solcher zu tun. Zwar ließen sich die tiefsitzenden Vorurteile, was geschlechtsspezifische Eigenschaften und Rollen angeht, nicht so leicht aus der Welt schaffen. Und die Herzchirurgie gelte nun einmal als ein typisch männlicher Beruf. Ob und wie gut man sich hierfür eigne, sei allerdings keine Frage des Geschlechts, sondern des Charakters. Körperliche und seelische Belastbarkeit gehörten zu den wichtigsten Eigenschaften, über die man in der Herzchirurgie verfügen müsse. Es gebe nämlich immer wieder Situationen, in denen man schnelle, unter Umständen über Leben und Tod bestimmende Entscheidungen treffen müsse.

          Die nach wie vor größte Hürde, um mehr Frauen für die Herzchirurgie zu begeistern, sieht Aicher in der oft schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Eine wichtige Rolle spiele daneben die geringe Zahl an Frauen in den Führungsetagen: Je mehr Ärztinnen hier repräsentiert seien, desto eher kämen weitere nach. Denn laut den Ergebnissen einer Umfrage interessieren sich auch deshalb nur wenige Medizinstudentinnen für die Herzchirurgie, weil es hier an weiblichen Vorbildern mangelt.

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