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Fraglicher Nutzen : Zweifel an Screening-Programmen

  • -Aktualisiert am

Ein Arzt deutet auf eine Auffälligkeit in einer weiblichen Brust Bild: dpa

Screeningverfahren, mit denen Krebs, Diabetes oder Herzkreislaufleiden früh erkannt werden können, scheinen die Sterberaten der Teilnehmer nicht zu beeinflussen, zeigt eine Studie. Die Ergebnisse befeuern auch die deutsche Debatte über die teuren Programme.

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          Screeningprogramme, mit denen man tödlichen Krankheiten frühzeitig auf die Spur kommen will, haben keinen nennenswerten Effekt auf die Sterblichkeit der Teilnehmer. Zu diesem provokativen Schluss kommen Forscher um John Ioannidis vom Stanford Prevention Research Center in Kalifornien in einer neuen Studie im „International Journal of Epidemiology“ . Sie nahmen sich für ihre Metaanalyse neunzehn Krankheiten vor, die tödlich enden können, darunter zwölf Krebsarten, etwa Brustkrebs, Dickdarmkrebs und Gebärmutterhalskrebs, fünf Herzkreislauferkrankungen, Diabetes Typ 2 und die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung COPD. Screeningverfahren, mit denen diese Leiden früh entdeckt werden sollten, konnten die Sterblichkeit durch die jeweilige Krankheit bei den Teilnehmern üblicherweise nicht reduzieren. Auch die Sterberate der gescreenten Patienten durch andere Ursachen wurde nicht beeinflusst, bilanzieren die Autoren. Sie orientierten sich an dem Empfehlungen und Einschätzungen des unabhängigen Expertengremiums „United States Preventive Services Task Force“.

          Das Gremium versammelt auf seiner Website auch Informationen zu Studien rund um Screeningverfahren. Die Wissenschaftler konzentrierten sich auf randomisierte kontrollierte Studien und Metaanalysen und ließen insgesamt 57 Studien in ihre Untersuchung einfließen. Für die neunzehn untersuchten Krankheiten fanden sich 39 verschiedene Testverfahren, die angewandt wurden. Darunter sind so unterschiedliche Verfahren wie Darmspiegelungen, Tests auf Blut im Stuhl, Gentests - etwa für Brustkrebs - oder die Musterung mit dem bloßen Auge.

          Gentest.
          Gentest. : Bild: picture-alliance/ dpa

          „Bei der Handvoll von Forschungsprojekten, die Überlebensvorteile durch Screenings dokumentieren, ist es wahrscheinlich, dass diese Vorteile überschätzt werden“, heißt es in der Studie. Als Beispiel nennen die Wissenschaftler eine Untersuchung aus dem ländlichen Indien, in der es heißt, eine Untersuchung auf Gebärmutterhalskrebs habe das generelle Sterberisiko der teilnehmenden Frauen um ganze dreizehn Prozent verringert. Nicht eingerechnet wurde, dass den Frauen auch andere medizinische Maßnahmen ermöglicht wurden; sie bekamen etwa zusätzliche Mittel, um eine Blutarmut einzudämmen, und bei ihnen wurde der Blutdruck gemessen.

          Die Wissenschaftler wollen mit ihrer Studie mit dem Titel „Retten Screenings Leben symptomfreier erwachsener Teilnehmer?“ nicht einfach nur den Glauben an die Heilkraft von Screenings schwächen. Sie stellen mit ihrer Studie auch eine Übersicht aller randomisierten kontrollierten Studien zur Verfügung, mit denen Screeningverfahren für die betreffenden neunzehn Krankheiten bisher evaluiert wurden. So wolle man sich mit Hintergrundmaterial an den gegenwärtigen Kontroversen über Screeningprogramme in den Vereinigten Staaten beteiligen, heißt es in der Studie.

          Teures Programm

          Auch in Deutschland werden Screeningprogramme kritisch diskutiert. Zuletzt machte etwa vor wenigen Wochen eine Gruppe von Hautärzten mit einem offenen Brief an Gesundheitsminister Gröhe auf Zweifel am bundesweiten Hautkrebs-Screening aufmerksam. Das Screening, das im Jahr 2007 eingeführt wurde, ist nicht wie geplant evaluiert worden. Man erhoffte sich von der Einführung des kostenintensiven Programms einen Rückgang der Todesfälle durch schwarzen Hautkrebs. Alle über 35-Jährigen können sich deshalb im Zwei-Jahres-Abstand auf Melanomvorstufen untersuchen lassen.

          Rauchen verschärft die Gefahr langfristig, an der Lungenobstruktion COPD zu erkranken.
          Rauchen verschärft die Gefahr langfristig, an der Lungenobstruktion COPD zu erkranken. : Bild: ddp

          Die Studienautoren um Ioannidis räumen ein, dass ihre Untersuchung Limitationen aufweist. So schlossen sie etwa nur randomisierte kontrollierte Studien, in denen die Probanden den Versuchsgruppen nach dem Zufallsprinzip zugeordnet wurden, und Metaanalysen ein, keine großen Kohortenstudien oder Fall-Kontroll-Studien. Sie glauben auch nicht, dass es der Weisheit letzter Schluss ist, die Mortalität als zentralen Parameter zu untersuchen, wie sie es getan haben. Andere klinische Parameter könnten sich durchaus durch Screeningprogramme beeinflussen lassen - möglicherweise hocheffektiv. Das wiederum wurde die Programme dann auch rechtfertigen.

          Andere Patienteninteressen

          In dieser Weise äußert sich auch der Mediziner Paul Shekelle in einem von mehreren begleitenden Kommentaren im „International Journal of Epidemiology“. Shekelle leitet ein ärztliches Zentrum in Los Angeles und ist sich sicher, dass seine Patienten ein massives Interesse an anderen Effekten des Screenings haben - nicht nur daran, inwiefern die Sterblichkeit beeinflusst wird: „Viele chronische Krankheiten“, schreibt Shekelle, „etwa Herzversagen, Diabetes und COPD, gehen mit zahlreichen Begleiterscheinungen abseits der Mortalität einher, etwa Atemnot, Blindheit, Nierenversagen und Amputationen. Auch ohne irgendeinen Effekt auf die Sterberate ist es für mich als Hausarzt leicht vorstellbar, dass die Patienten jeden Screeningtest und jede Maßnahme wertschätzen, die das Risiko oder die Schwere dieser Begleiterscheinungen mindern.“

          Einen weiteren Kritikpunkt liefert Paul Taylor vom Institute of Health Informatics am University College London in seinem Kommentar. Die untersuchten Studien, die in die Metaanalyse eingeflossen sind, basieren mehrheitlich auf Screeningprogrammen, die in den siebziger und achtziger Jahren durchgeführt wurden. Insofern sei es fraglich, ob man die Effektivität von Screeningtests anhand so alter Daten in Zweifel ziehen kann - schließlich, so Taylor, lebten wir in einer sich wandelnden Welt. Und Taylor hofft nicht nur auf bessere Screeningverfahren durch den medizinischen und technologischen Fortschritt. Er glaubt außerdem, dass die verbesserten Möglichkeiten, Risikogruppen in der Bevölkerung zu identifizieren, zukünftige Screeningprogramme erfolgreicher machen könnten.

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