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Gelähmte gehen wieder : Ein biblischer Moment für die Medizin

Gehversuche im Freien – auch die waren nach vielen Trainings und Reha plötzlich möglich. Bild: EPFL

Eine spektakuläre Wendung für drei querschnittgelähmte Männer: Schweizer Mediziner machen es mit einer speziellen Rückenmarksstimulation möglich, dass sie wieder allein gehen können. Ist das ein Durchbruch?

          Wenn Gelähmte wieder gehen können, wenn ein paar Wochen Übung dazu führen, dass drei Männer, die mehr als vier Jahre an den Rollstuhl gefesselt waren, ohne jede Unterstützung eine Stunde lang aufrecht gehen können – wer wollte in dem Moment, da dies bekanntwird, nicht an Wunder denken? Nicht an die Verkündigung der Heilswunder in der Apostelgeschichte, die jedem Christen mit auf den Weg gegeben werden. Kann Medizin also Wunder vollbringen? Tatsächlich vergessen wir, die Ärzte eingeschlossen, oft, wie selbst die säkulare wissenschaftliche Medizin im täglichen Klinikbetrieb diesen Glauben immer wieder nährt – wie sie geradezu darauf baut und moderne Mythen, ja auch sehr diesseitige ökonomische Überlebensstrategien daraus entwickelt hat.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In Lausanne haben am Polytechnikum EPFL Neuroingenieure und Universitätskliniker an drei Querschnittsgelähmten eine Therapie in Form einer Rückenmarksstimulation entwickelt, die in ihrem medizinischen Nutzen nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

          Schon nach einer Woche waren kontrollierte Schritte möglich.

          Das Rückenmark der Patienten war durch Unfälle durchtrennt worden, die Nervenbahnen zwischen Gehirn und Beinmuskeln unterbrochen. „Unheilbar“ ist der erste Gedanke. Doch Heilbarkeit ist in der Medizin ein unscharfer, zweifelhafter Begriff geworden. Die Krebsmedizin liefert jeden Tag Beispiele dafür. Und vor Jahren, als die Immunschwächekrankheit Aids noch als Todesurteil galt, war ein HIV-Infizierter in Berlin durch eine Stammzelltransplantation geheilt worden. Weltweit hat der Fall berührt und medizinisch für Furore gesorgt. Trotzdem sterben noch immer Tausende täglich an dem Virus. Fazit: Die Therapie ist nicht auf alle Infizierten übertragbar. Von der Innovation, ein Begriff, den die Medizin heute geschickt einzusetzen weiß, profitiert nur ein Teil. Ein Bruchteil sogar.

          Schrittmacher im Rückenmark

          Trotzdem wurde damals bei der Aids-Heilung wie in den heutigen „Nature“-Publikationen zur Rückenmarksstimulation unbekümmert das große Bild vom „Durchbruch“ verwendet. Wie berechtigt ist das nun? Sehen wir uns also die Lausanner Gelähmtentherapie genauer an. Die epidurale Elektrostimulation des Rückenmarks ist ein seit Jahren bekanntes experimentelles Verfahren, das wie eine Art elektrischer Schrittmacher wirkt. Elektroden, die ins Rückenmark um die Bruchstelle implantiert werden, leiten Impulse in die Nervenbahnen.

          Im September erst hatten amerikanische Mediziner von einem stimulierten Patienten berichtet, der sich auf seine Beine stellen und, gestützt, mehrere Schritte gehen konnte, allerdings nur schwach und solange die Stimulation des Rückenmarks aktiviert war. Die Schweizer Wissenschaftler haben anstelle dieser Dauerstimulierung nun nach der sehr detaillierten Suche, wo in den Patienten jeweils noch stimulierbares Gewebe und (wenn auch taube) Restverbindungen im Rückenmark bestehen, eine „gezielte“ Stimulierung nach Bedarf angewendet.

          Immer wenn der Patient gehen wollte, wurde der kabellos übers Tablet gesteuerte Schrittmacher aktiv. Das Training schlug bei allen drei Gelähmten phänomenal an: Innerhalb von Tagen konnten sie auf dem Laufband Schritte ausführen; anschließend, nach monatelangen und weit mehr als hundert Trainingseinheiten und Reha-Übungen, Strecken von bis zu einem Kilometer an Krücken auf den eigenen Beinen zurücklegen, und zwar, das ist entscheidend: auch nach dem Abschalten des Schrittmachers. Zum ersten Mal war damit an den drei Patienten bewiesen, dass durch einen sehr gezielten Eingriff das Gehirn von Gelähmten wieder mit seinen Beinmuskeln kooperieren und Willkürbewegungen möglich machen kann.

          Das Lauftraining war intensiv und dauerte am Ende viele Monate.

          Ein atemberaubender medizinischer Erfolg, keine Frage. Nicht nur die Schweizer Gruppe um Grégoire Courtine und Jocelyn Bloch hält das eigene Stimulationsprotokoll für einen gewaltigen Schritt nach vorne. Und dennoch: Es bleibt ein Fortschritt, von dem momentan niemand zu sagen wagt, wie viele unter den Millionen querschnittsgelähmten Menschen davon profitieren können und wohin die Linderung des Leidens die drei Männer führen wird. Von Heilung darf jedenfalls nicht gesprochen werden. Winfried Mayr, Wiener Medizinphysiker, rechnet damit, dass „weiter bei weitem nicht alle Patienten, auch mit größtem technischen und therapeutischen Aufwand“ auf ein Wiedererlangen der Bewegungsfunktionen zählen dürfen. „Nicht alltagstauglich“, warnt der Bayreuther Uniklinikchef der Orthopädie, Rainer Abel: „Diese Behandlung macht Querschnittslähmung nicht heilbar.“

          Die Studienleiter in Lausanne: Grégoire Courtine und Jocelyn Bloch

          Auch an solchen Kommentaren wird erkennbar, wie weit der Erwartungshorizont an die Medizin, auch innerhalb der Medizin selbst, gewachsen ist. Ihre Erfahrung lehrt sie: Viele große Momente bleiben kleine Fortschritte. Bei der rasenden Innovationsfreude der Medizin ist es allerdings gar nicht mehr so einfach, auf dem Boden zu bleiben.

           

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