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Forschung : Impfen und schimpfen gegen Vogelgrippe

Forschung nach Gegenmittel zum Vogelgrippevirus Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Haben wir schon bald einen Impfstoff gegen die gefürchteten Vogelgrippeviren H5N1? Neuigkeiten aus den Labors hatten in den vergangenen Tagen Hoffnungen geweckt. Doch Experten warnen vor überzogenem Optimismus.

          Haben wir schon bald einen Impfstoff gegen die gefürchteten Vogelgrippeviren H5N1? Die Neuigkeiten aus den Labors hatten in den vergangenen Tagen solche Hoffnungen geweckt, und manche Äußerungen auch aus dem Berliner Gesundheitsministerium, wo drei bis sechs Monate für die Entwicklung eines Pandemie-Impfstoffes veranschlagt wurden, haben solchen Optimismus befördert. „Einen völlig unbegründeten Optimismus“, wetterte dagegen Albert Osterhaus jetzt auf dem europäischen Kongreß für klinische Mikrobiologie und Infektionskrankheiten (ECCMID) in Nizza.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Für den Rotterdamer Virologen, der viele wegweisende Forschungen zu H5N1 vorangebracht hat, sollte das europäische Forum die ideale Plattform sein, jene „Europäische Influenza-Taskforce“ zu installieren, für die er und andere Fachleute seit Monaten werben. Doch die erhofften Gelder - Osterhaus spricht von zwanzig Millionen nur für die Impfstoffentwicklung - blieben aus. In Nizza traf er vielmehr auf zwei schwedische Protagonisten, den Kongreßpräsidenten Ragnar Norrby und Johan Giesecke vom European Center for Disease Control and Prevention (ECDC) in Stockholm, die eher Zweifel an der Dringlichkeit der Impfstoffentwicklung säten als das Anliegen einer breiten Forschungsinitiative - einer „Public-Private-Partnership“ - zu forcieren.

          „Ein Jahr bis zum tauglichen Impfstoff“

          Die Vorarbeiten für eine Vakzine sind Osterhaus zufolge jedenfalls noch lange nicht abgeschlossen: „Wenn heute die Pandemie ausbricht, brauchen wir ein Jahr bis zum tauglichen Impfstoff.“ Ein vom amerikanischen National Institute of Allergy and Infectious Diseases vor wenigen Tagen im „New England Journal of Medicine“ (Bd.354, S.1343) vorgestellter Prototyp einer Vakzine mit abgetöteten H5N1-Erregern aus Vietnam habe jedenfalls enttäuscht.

          Etwa zweihundert freiwilligen Probanden waren unterschiedliche Dosen des Impfstoffs gespritzt worden. Ergebnis: Mit zwei Injektionen im Abstand von einem Monat, die insgesamt zwölfmal so hohe Mengen - jeweils knapp 90 Milligramm - enthielten wie üblicherweise eine Grippeimpfung, wurden gerade einmal die Hälfte der Probanden ausreichend gegen das Virus geschützt. Damit ist man weder im Hinblick auf die Zuverlässigkeit noch was die Produktionskosten und -kapazitäten angeht, viel weiter.

          „Wer sollte dafür haften?“

          Allenfalls was die Nebenwirkungen betrifft, hat der amerikanische Prototyp bestanden. Albert Osterhaus ist jedoch wie die meisten Fachleute sicher, daß ein Impfstoff benötigt wird, der mit einem Adjuvans - einem immunstimulierenden Hilfsstoff - angereichert ist. Zwei solcher Vakzinkandidaten werden jetzt von GlaxoSmithKline bei je vierhundert Menschen in Deutschland und Belgien getestet.

          Da die Schwierigkeiten bei solchen Impfstoffen erfahrungsgemäß eher in den unerwünschten Nebenwirkungen und der Verträglichkeit liegen, bleibt Osterhaus skeptisch: „Bei Vögeln können wir Nebenwirkungen von einem Prozent tolerieren, bei Menschen geht das nicht. Wer sollte dafür haften?“ Bis jetzt habe jedenfalls keine der potentiellen Vakzinen die nötige Sicherheit gezeigt.

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