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Forschung : Brustkrebs durch Antibiotika?

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Eine Studie der Universität Washington in Seattle wirft viele Fragen auf. Unter anderem: Steigert die häufie Einnahme von Antibiotika die Wahrscheinlichkeit einer Brustkrebs-Erkrankung?

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          Die Entstehung von Brustkrebs wird durch einige Risikofaktoren begünstigt. Ein Faktor ist womöglich die längerfristige Einnahme von Antibiotika. Das hat jetzt eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Washington in Seattle ergeben. Danach steigt das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, auf das Anderthalbfache, wenn man an bis zu fünfhundert Tagen Antibiotika einnimmt. Werden die Medikamente sogar an bis zu tausend Tagen eingenommen, steigt es auf das Zweifache, unabhängig von der Art des Antibiotikums und der behandelten Krankheit. Eine längerfristige Einnahme von Antibiotika ist zum Beispiel bei Mukoviszidose oder den Hautkrankheiten Akne und Rosazea üblich.

          Obwohl die Berechnungen aus einer sorgfältig vorgenommenen Fallkontrollstudie stammen, sind sie noch kein schlüssiger Beweis dafür, daß Antibiotika tatsächlich Brustkrebs fördern. Bei allen Untersuchungen dieser Art besteht die Schwierigkeit, Ursache und Wirkung genau voneinander zu trennen. Deshalb sind einige Fragen offen: Haben die Frauen zum Beispiel mehr Brustkrebs wegen der Einnahme der Antibiotika oder wegen der zugrundeliegenden Infektionskrankheit? Wurden bei der Studie tatsächlich alle Faktoren berücksichtigt, oder gibt es weitere Einflüsse, die das gesamte Ergebnis in Frage stellen können?

          Höhere Bildung gleich mehr Antibiotika?

          Alle gängigen Risikofaktoren wie Alter, Veranlagung, Zahl der Schwangerschaften, Alter bei der ersten und der letzten Regelblutung, Übergewicht und mögliche Hormoneinnahmen wurden von Christine M. Velicer, der Leiterin der Studie, und ihren Kollegen berücksichtigt. Auch die Datenbasis scheint solide zu sein. Das Ergebnis stützt sich auf die Krankengeschichte von mehr als zehntausend Frauen. Ein Viertel von ihnen hatte Brustkrebs, die anderen dienten als Vergleichsgruppe. Da alle Frauen Mitglied in ein und derselben Krankenkasse waren und dort alle Verordnungen über Jahrzehnte elektronisch erfaßt worden waren, konnte jede Einnahme eines Antibiotikums nachvollzogen werden ("Jama", Bd. 291, S. 827). Auffällig war nur, daß von den Frauen mit Brustkrebs mehr einen höheren Bildungsabschluß besaßen. Sie könnten durchaus häufiger Antibiotika bekommen haben. Möglicherweise sind sie auch öfter zur Mammographie gegangen, und Tumoren wurden schneller entdeckt. Die Einnahme der Antibiotika wäre dann nur eine Koinzidenz und keine Ursache für den Brustkrebs.

          Zurückhaltender Umgang empfohlen

          Will man den Antibiotika eine Brustkrebs fördernde Wirkung zusprechen, muß man auch eine Vorstellung davon haben, wie diese Wirkung zustande kommen könnte. Die amerikanischen Wissenschaftler machen dafür einige Vorschläge. Die Antibiotika könnten zum Beispiel die Darmflora so weit schädigen, daß die vor Krebs schützende Wirkung einzelner Nahrungsmittel nicht mehr zum Tragen kommt. In diesem Fall müßten die Antibiotika allerdings auch andere Formen von Krebs begünstigen, nicht nur Brustkrebs. Dafür gibt es aber bisher keinerlei Hinweise. Denkbar wäre auch, daß die eigentliche krebsfördernde Wirkung nicht auf die Einnahme des Antibiotikums zurückzuführen ist, sondern auf die mit der Infektion einhergehende Entzündung. Ein Zusammenhang zwischen Krebs und Entzündung ist zum Beispiel bei dem durch Asbest verursachten Lungenkrebs nachgewiesen worden und bei Magenkrebs, der auf Helicobacter pylori zurückgeht. Allerdings liegen hierbei Entzündungsherd und Krebsherd direkt nebeneinander und nicht in verschiedenen Organen.

          Die Auswertung der neuen Studie zeigt, wie schwer es ist, einen kausalen Zusammenhang zwischen einer Noxe und der Entstehung von Krebs aufzuzeigen. Klinische Konsequenzen werden deshalb noch nicht zu erwarten sein. Trotzdem plädieren Velicer und ihre Kollegen für einen zurückhaltenden Umgang mit den Antibiotika - schon der Resistenzen wegen.

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