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Forscherstreit : Sind Depressionen ansteckend?

  • -Aktualisiert am

Forscher streiten: Lösen Viren Depressionen aus? Bild: dpa

Ein Virus macht Pferde und Schafe apathisch. Löst es auch beim Menschen Depressionen aus? Gibt es sogar ein Mittel dagegen? Die Antwort steht noch aus.

          Die große Traurigkeit kam wie aus dem Nichts. Waren die Pferde gerade noch fröhlich über die Wiese getrabt, so stierten sie nun mit hängender Mähne ins Leere, drehten sich apathisch im Kreis, schlugen ihre Köpfe gegen die Wand oder verweigerten das Futter. Viele Tiere brachen am Ende zusammen und starben. Das war um das Jahr 1895 in der Gegend von Borna, einer kleinen Stadt südlich von Leipzig. Woher die sonderbare Erkrankung, fortan Borna-Krankheit genannt, gekommen war, blieb im dunkeln. Noch heute sucht sie in Deutschland jährlich bis zu hundert Pferde heim.

          1924 brachte der Gießener Virologe Wilhelm Zwick die rätselhafte Pferdekrankheit mit einem Virus in Verbindung, das er Borna-Virus nannte. Der Erreger nistet sich im limbischen System ein, dem Teil des Gehirns, das für Emotionen und das Gedächtnis verantwortlich ist. In den neunziger Jahren konnte das Erbgut des Virus vollständig entschlüsselt werden. Weil Borna-Viren nicht nur Pferde, sondern auch Schafe, Kühe und Katzen infizieren, lag die Frage nahe, ob der Erreger auch Gemütsstörungen beim Menschen verursachen kann.

          Virus im Blut depressiver Patienten

          Diese verwegen klingende Hypothese verficht ein Berliner Forschungspaar: Hanns Ludwig, Leiter des Institutes für Virologie an der Freien Universität, und die Biologin Liv Bode vom Robert-Koch-Institut. Jahr für Jahr sammeln sie Hinweis auf Hinweis, daß Borna-Viren zumindest mitbeteiligt sind an Depressionen. Ihr Problem: Die Virus-Hypothese stößt nicht nur bei vielen Psychiatern auf massiven Widerstand. Zweifel hat ausgerechnet auch der kleine Kreis von Borna-Forschern, die in ihren Laboratorien die Ergebnisse von Ludwig und Bode nicht reproduzieren können.

          Die folgenden Ergebnisse werten Ludwig und Bode als Beweis. So konnten im Jahre 1985 im Blut psychiatrischer Patienten Antikörper gegen das Borna-Virus nachgewiesen werden - ein Zeichen, das sich die Immunabwehr mit dem Erreger auseinandergesetzt hatte. Zehn Jahre später gelang es Ludwig und Bode, das Virus aus dem Blut dreier depressiver Patienten zu isolieren. Auch fanden sie Proteine des Borna-Virus in der Gehirnflüssigkeit. Vor zwei Jahren entwickelten die Berliner Forscher dann ein weltweit einzigartiges Testverfahren: Damit weisen sie nicht nur Antikörper, sondern auch wichtige Proteine des Virus im Blut der Patienten nach. Außerdem finden sie Komplexe, die sich aus Eiweißen des Erregers und Antikörpern zusammensetzen.

          Wissenschaftler bleiben skeptisch

          Vor allem endogene Depressionen, an denen die Betroffenen ohne erkennbaren äußeren Anlaß erkranken, bringen Ludwig und Bode in Zusammenhang mit Borna-Viren. Ihre Vermutung: Immer dann, wenn die Erreger sich vermehren, kommt es zu einem der gefürchteten Krankheitsschübe. Auch bei der manisch-depressiven Erkrankung, der sogenannten bipolaren Depression, könne das Virus eine Rolle spielen. "Bei neunzig Prozent aller Patienten, die einen akuten Schub einer endogenen oder bipolaren Depression durchmachen, finden wir eine Borna-Infektion im Blut", sagt Bode.

          Dabei bestehe ein direkter Zusammenhang: Je höher die Virusaktivität, desto ausgeprägter die klinischen Symptome. Depression als eine Art Schnupfen? Womöglich ansteckend? Der Freiburger Borna-Experte Peter Stäheli steht den Forschungsergebnissen der Berliner Gruppe skeptisch gegenüber. Auch Stähelis Labor entwickelte einen Test, um im menschlichen Blut nach dem Borna-Virus zu fahnden. Dabei fand er bei manchen gesunden Personen reichlich Antikörper gegen das Virus, bei depressiven Patienten jedoch nicht immer. "Wir konnten keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Erreger und Depression nachweisen", sagt Stäheli.

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          Bode und Ludwig sind bisher die einzigen, die Eiweiße des Virus oder Immunkomplexe in menschlichen Blutproben bestimmen konnten. In keinem anderen Labor ist das gelungen.

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