https://www.faz.net/-gwz-8cq77

Altersmedizin : OP gelungen, Patient Pflegefall

  • -Aktualisiert am

Nicht nur die Operation selbst ist für Ältere eine große Belastung. Auch die fremde Umgebung und der anonyme Klinikalltag können ihre letzten Reserven aufzehren. Bild: Klaus Rose/F1online

Wenn ältere Menschen ins Krankenhaus müssen, kann das böse ausgehen. Viele geraten in ein Delirium und finden sich anschließend nicht mehr zurecht. Nur an wenigen Kliniken unternimmt man etwas dagegen.

          Bis vor zwei Jahren führte Annette Mons ein Leben, mit dem man mit neunzig Jahren wahrscheinlich zufrieden sein darf. Sie lebte immer noch in den eigenen vier Wänden, dreimal am Tag kam der Pflegedienst, und jedes Wochenende stand die Tochter vor der Tür, um bei Einkäufen und Papierkram Hilfe und Gesellschaft zu leisten. Bis zur Einweisung in die Klinik.

          Eigentlich waren es nur die verschlissenen Bandscheiben, die wieder einmal Probleme machten. Trotzdem bedeutete es für Annette Mons (Name von der Redaktion geändert) das Ende eines noch immer recht eigenständigen Lebens. „Mutter wusste nicht mehr, wer vor ihr stand, noch, wo sie war“, erinnert sich die Tochter an ihren ersten Besuch am Krankenbett. Nach einer „schmerzmedizinischen Rosskur“ samt der Umstellung der meisten Medikamente sei sie, um Hilfe rufend, durchs Zimmer geirrt und ihre längst verstorbene Schwester gesucht. Als sie aufgrund einer Darminfektion verlegt wurde, geriet ihr Leben völlig aus den Fugen. Tagsüber, erzählt die Tochter, habe die Mutter geschlafen, nachts die Station verrückt gemacht. „Sie musste sogar gefüttert werden.“

          Jeder Klinikaufenthalt hinterlässt Narben

          Seither ist Annette Mons ein Pflegefall. Sich selbst waschen und Medikamente einnehmen kann sie nicht mehr. Noch immer beschäftigt sie sich mit Menschen, die in Wirklichkeit seit vierzig Jahren tot sind. „Hätte ich sie doch einfach zu Hause behalten“, grämt sich die Tochter, die selbst als Krankenschwester ihr Geld verdient, „sie ein bisschen betüttelt, sie sich ihren Rückenschmerzen hingeben lassen. Wir Pflegenden wissen das doch, bei alten Menschen hinterlässt jeder Klinikaufenthalt seine Narben.“

          „Ältere Patienten haben oft nicht mehr die Reserven, die Belastungen einer Krankenhausbehandlung wegzustecken“, bestätigt Norbert Lübke, der Leiter des Kompetenzzentrums Geriatrie des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen in Hamburg. Das lange Liegen schwächt die ohnehin schon reduzierte Muskulatur, mit neuen Medikamenten gehen neue Nebenwirkungen einher. Eine Operation kann den letzten Rest an Widerstandskraft rauben. Aber wie im Fall von Annette Mons leidet bei vielen vor allem der Geist unter dem Klinikaufenthalt.

          Der amerikanische Neuropsychologe Robert Wilson vom Rush University Medical Center in Chicago machte sich einmal die Mühe, neun Jahre lang zu verfolgen, inwieweit sich ältere Menschen nach ihrer Klinikentlassung erholen. Wie sich in seiner Studie 2012 zeigte, bauten die Betroffenen im Anschluss an die Behandlung deutlich schneller ab als ihre Altersgenossen. „Das heißt, dass die Patienten in Hinblick auf ihre geistige Leistungsfähigkeit nach dem Krankenhausaufenthalt um 14 bis 15 Jahre gealtert waren“, sagt Wilson. Dies galt im Besonderen für jene mit einem komplizierten Krankheitsverlauf oder die, die schon vorher mit Gedächtnisproblemen zu kämpfen hatten.

          Ein Delir ist keine vorübergehende Geschichte

          Meist beginnen die Probleme mit der Verwirrung, die sich nach einer Narkose, nach einer Infektion oder nach einer Aufnahme auf die Intensivstation einstellt: „Die Patienten nehmen die Umwelt nicht mehr richtig wahr, sind häufig kaum noch im Bett zu halten und wissen oft weder, wo sie sind, noch, mit wem sie es zu tun haben“, erklärt der Psychiater Michael Hüll, Leiter der Klinik für Geronto- und Neuropsychiatrie im badischen Emmendingen. Andere wiederum liegen apathisch im Bett. „Delir“ nennen Ärzte diesen Zustand, wenn sie ihn nicht verharmlosend als „Durchgangssyndrom“ ansehen, als eine vorübergehende Phase der Umnachtung, die es mit Hilfe von Beruhigungsmitteln, Neuroleptika oder manchmal sogar durch körperliche Fixierung durchzustehen gilt. Dabei ist inzwischen bekannt, dass dieser vermeintliche Durchgang gerade für ältere Menschen oft ein Weg ohne Wiederkehr ist. „Ein Delir ist keine vorübergehende Geschichte“, sagt Hüll. „In der Regel bleibt immer etwas hängen. Je älter und kränker der Patient ist, desto mehr.“

          Weitere Themen

          Neue Erkenntnisse aus dem Erdmittelalter Video-Seite öffnen

          Fossilien-Fund : Neue Erkenntnisse aus dem Erdmittelalter

          Paläontologen in Polen haben ein Fossil eines pflanzenfressenden Säugetieres entdeckt, das der Gruppe der „Dicynodontia“ angehört, die vor 205 Millionen Jahren neben den Dinosauriern das spätere Europa durchstreiften.

          Topmeldungen

          Brexit-Chaos : Was nun, Frau Premierministerin?

          Theresa May verschiebt die Abstimmung über den Brexit – und löst damit ein Chaos aus: Das Pfund stürzt ab, das Parlament rebelliert, die Bürger sind genervt. FAZ.NET stellt die vier wichtigsten Fragen zur Zukunft Großbritanniens.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.