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Altersmedizin : OP gelungen, Patient Pflegefall

  • -Aktualisiert am

Nur eines von sieben Krankenhäusern besitzt eine Geriatrie-Abteilung

Um das zu ändern, warb Gurlit mit ihrem früheren Chef Fördermittel ein und rief vor vierzehn Jahren ein Modellprojekt ins Leben. Ein älterer Mensch, der seither als Notfall oder zur Operation im St.-Franziskus-Hospital aufgenommen wird, trifft dort nun als Erstes auf das Geriatrie-Team. Altenpflegerinnen testen zunächst den kognitiven Status des Neuankömmlings. Ergeben sich Auffälligkeiten, nehmen sie den Patienten besonders unter ihre Fittiche. „Wir sind das stabile Gesicht des Patienten“, sagt eine von ihnen, „sein Beruhigungsmittel auf zwei Beinen.“ Indem sie ihn zu Untersuchungen und Eingriffen begleiten, ihn beraten, betreuen und den Kontakt zu den Angehörigen sicherstellen, sollen die Altenpflegerinnen dem Patienten helfen, in der neuen Welt zurechtzukommen. Gleichzeitig versucht man in Münster, Risikomedikamente zu meiden, und setzt bei den Narkosen auf besonders schonende Verfahren. In den Vereinigten Staaten hat sich mit dem Hospital Elder Life Program, kurz Help, inzwischen ein ähnliches Verfahren etabliert. Im April 2015 konnte ein Team des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge in Berlin um den Psychiater Torsten Kratz im Deutschen Ärzteblatt belegen, wie erfolgreich diese Maßnahmen sind: Seitdem in der untersuchten Klinik delirgefährdete Patienten von einem speziellen Pfleger identifiziert und in der Folge intensiver betreut werden, rutscht dort nicht mehr jeder zweite, sondern nur noch rund jeder zwanzigste ältere Operierte ins Delir. Im Prinzip rechnet sich dieser Service auch aus kaufmännischer Sicht: Nachdem Gurlits Team beweisen konnte, dass ihr Programm die eigene Klinik kein Geld kostet, sondern im Gegenteil Ausgaben für Behandlungen spart, ist man inzwischen nicht mehr auf externe Fördermittel angewiesen. Das Klinikum übernimmt diese Leistungen.

Nur haben sich die Erfolge anscheinend noch nicht herumgesprochen. „Solche Programme sind in deutschen Kliniken bislang leider eine Rarität geblieben“, klagt Norbert Lübke. Auch sonst ist Deutschland in Sachen Altenbetreuung in Kliniken noch ein Entwicklungsland. Nur eines von sieben Krankenhäusern besitzt überhaupt eine geriatrische Abteilung. Alle anderen kommen in der Regel ganz ohne Beistand eines Altersmediziners aus. Dabei wird genau der, sagt Lübke, immer notwendiger: „Angesichts der fortschreitenden Spezialisierung der Medizin fehlt gerade bei älteren Menschen zunehmend derjenige, der die Fäden zusammenführt.“

Es fehlt in den meisten Fällen jemand, der den Kardiologen warnt, dass sich das neue Herzmittel nicht mit den Magenproblemen des Patienten verträgt. Oder der seine Kollegen darauf aufmerksam macht, dass man manches medizinisch Mögliche auch unterlassen kann, weil es zwar den Laborwert verbessert, aber nicht die Lebensqualität. Noch müsse sich vor allem der alte Mensch den Spielregeln des Krankenhauses anpassen, kritisieren Lübke und seine Kollegen. Aber so langsam, sagen die Geriater, könnte ihm die andere Seite entgegenkommen.

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