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Altersmedizin : OP gelungen, Patient Pflegefall

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Delir-Patienten haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko, die Klinik nicht lebend zu verlassen, berichtete kürzlich der Anästhesist Robert Stevens von der John-Hopkins-Universität in Baltimore im British Medical Journal. Sie verbringen fast eineinhalb Tage länger auf der Intensivstation und unter Umständen am Beatmungsgerät. Im Journal of the American Medical Association legte der niederländische Neurologe Willem van Gool dar, dass für Delir-Patienten ein mehr als doppelt so großes Risiko besteht, nach der Klinik im Pflegeheim zu landen.

Offizielle Statistiken verharmlosen die Lage

Acht Millionen Menschen im Rentenalter werden pro Jahr stationär in deutsche Krankenhäuser aufgenommen. Jeder fünfte von ihnen, schätzen Studien, rutscht in ein Delir. Besonders gefährdet sind Operierte, vor allem, wenn sie bereits über siebzig sind - das ist etwa fünf Millionen Mal der Fall. Nach Hüftgelenkseingriffen aufgrund eines Oberschenkelhalsbruchs hat fast jeder Zweite eine solche Bewusstseinsstörung. Nach herzchirurgischen Eingriffen sind sogar vier von fünf Patienten betroffen.

Die offiziellen Zahlen klingen weniger dramatisch. Gerade mal 40.000 Delir-Fälle werden den deutschen Behörden jährlich über die Abrechnungsdaten gemeldet. „Die Kollegen wollen sich ihre Qualitätsstatistiken nicht verderben“, mutmaßt der Hamburger Geriater Norbert Lübke; sie würden solche Komplikationen einfach verschweigen. Es wird auch nicht erfasst, wie viele einst selbständige Patienten nach dem Klinikaufenthalt dauerhaft zum Pflegefall werden. Nur in Ausnahmefällen wurde das ermittelt, zum Beispiel nach Oberschenkelhalsbrüchen. Auf Basis von AOK-Daten muss davon ausgegangen werden, dass sich ein Jahr nach einem solchen Eingriff jeder vierte Operierte in einem Pflegeheim befindet. Das sind 25.000 Menschen jährlich. Ein Drittel von ihnen hatte zuvor noch zu Hause gelebt. Das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks, ein Routineeingriff, müssen rund 4500 Patienten mit einer stärkeren Pflegebedürftigkeit bezahlen. Sie sind danach zum ersten Mal dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen.

Mit Bagatellproblemen zum Pflegefall

Dabei ließen sich einige dieser Folgen verhindern. Denn ein Delir ist kein unabänderliches Schicksal. Am Anfang steht wahrscheinlich eine Stoffwechselstörung im Gehirn, die das Nervensystem regelrecht aufputscht. „Das scheint eine Art Perpetuum mobile der Verwirrtheit zu erzeugen“, sagt Michael Hüll. Sei einmal eine kritische Schwelle überschritten, verschlimmere jede weitere Aufregung die Symptome. Als Auslöser für das Ungleichgewicht kommen die verschiedensten Faktoren in Betracht. „Manchmal reicht schon die Kombination von Fieber, Unterzuckerung und bestimmten Antibiotika“, berichtet Hüll. Schmerzmittel könnten eine Rolle spielen, aber auch Entzündungen nach einer Operation, Narkosemittel, Bluthochdruck oder eine Niereninsuffizienz: „Es gibt tausend mögliche Auslöser, und während eines Krankenhausaufenthalts kommen besonders viele von ihnen zusammen.“ Mit fatalen Konsequenzen für das Gehirn: Verbindungen zwischen Nervenzellen lösen sich auf, einzelne Zellen gehen ganz zugrunde.

Aber auch der Klinikalltag überfordert die Patienten. Die fremde Umgebung verwirrt sie. „Viele unserer älteren Patienten können sich trotz erster leichter kognitiver Probleme noch sehr gut mit dem vertrauten Umfeld zu Hause und mit ihrem regulierten Alltag arrangieren“, sagt die Anästhesistin Simone Gurlit, die am St.-Franziskus-Hospital in Münster die Abteilung für perioperative Altersmedizin leitet. „Im Krankenhaus passiert dann für sie etwas ganz Schlimmes: Plötzlich werden die Spielregeln von außen neu definiert.“ In der Klinik gebe es oft keine klaren Tag-und-Nacht-Rhythmen, die Bezugspersonen, also Ärzte und Schwestern, wechselten ständig, das gelte ebenso für Zimmer und Stationen. Auf den anonymen Fluren mangele es zudem an Orientierungshilfen. „All diese Einflüsse verlängern die Phase, in der jemand in einem Delir bleibt, und sie erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit, dass jemand überhaupt in ein Delir gerät“, sagt die Ärztin. Dann werden Patienten mit Bagatellproblemen zu Pflegefällen.

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