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Flüchtlinge und ihre Psyche : Vom Traum zum Trauma

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Wer es geschafft hat, ist noch lange nicht angekommen. Qual und Erniedrigung hinterlassen seelische Spuren. Bild: dpa

Die meisten Flüchtlinge müssen schwere Leiden verkraften. Psychologische Hilfe erhalten später nur die wenigsten.

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          Sie sehen Bomben fallen und Freunde sterben. Sie hungern, erleben Gewalt und werden von ihrer Familie getrennt. Sie haben Todesangst und ertragen große Schmerzen. Menschen auf der Flucht erleben Unvorstellbares. Experten schätzen, dass mindestens ein Drittel der Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen, traumatisiert ist. Um mit den Bildern im Kopf weiterleben zu können, benötigen sie dringend Hilfe, die über eine Unterkunft und Lebensmittel hinausgeht.

          Eine EU-Richtlinie besagt: Besonders schutzbedürftige Asylsuchende, zu denen traumatisierte Menschen gezählt werden, haben einen Anspruch auf medizinische und psychosoziale Hilfe. Diese Richtlinie sollte bis zum vergangenen Montag eigentlich in das nationale Recht aller europäischen Mitgliedstaaten übergehen. Doch in Deutschland hapere es an der Umsetzung, kritisiert die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF). Es sei unklar, wer sich konkret um die Flüchtlinge kümmern soll – und wer die Versorgung bezahlt, sagt die Vorsitzende Elise Bittenbinder.

          Vergangenes Jahr haben mehr als 200.000 Menschen in Deutschland Asyl beantragt. Legt man die Expertenschätzung zugrunde, bräuchten davon etwa 70.000 psychologische Hilfe bei der Verarbeitung traumatischer Erlebnisse. Wie viele davon tatsächlich in Therapie sind, weiß niemand. Dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fehlt der Überblick, weil die medizinische Versorgung der Asylbewerber Ländersache ist. Die bundesweit insgesamt 26 psychosozialen Zentren, die sich um Flüchtlinge und Folteropfer kümmern, können laut BAfF nur einen Bruchteil des steigenden Bedarfs decken. Immer häufiger müssten Menschen abgewiesen werden. Und die Situation verschärft sich: In diesem Jahr rechnet Deutschland mit 400.000 Flüchtlingen, die um Asyl bitten.

          Ein Gefühl von Sicherheit

          „Wir reden immer über das Flüchtlingsproblem, aber wir vernachlässigen die Probleme der Flüchtlinge“, sagt Wolf Emminghaus, Psychologe und Psychotherapeut beim Roten Kreuz im Saarland. Er arbeitet seit mehr als dreißig Jahren mit Flüchtlingen. Der erste und wichtigste Schritt und damit die Grundlage für eine erfolgreiche Therapie sei es, den Menschen das Gefühl von Sicherheit zu geben. „Im Prinzip geht es darum, dass sich jeder willkommen fühlen muss“, sagt Emminghaus. Kein leichtes Unterfangen in einem Land, in dem beinahe wöchentlich Flüchtlingsheime angezündet werden.

          Auch sonst ist die Situation für viele Flüchtlinge nicht einfach. Kein eigenes Zuhause, kein Job, keine Perspektive – aus einer akuten Belastungsreaktion wird schnell eine chronische. Oft wird den Geflüchteten erst nach einiger Zeit bewusst, was sie durchgemacht haben. Die Menschen leiden vor allem an der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung; sie haben Alpträume, erleben die traumatisierenden Situationen in Flashbacks wieder und wieder, stumpfen emotional ab, erscheinen anderen gleichgültig und versuchen, alles zu vermeiden, was sie irgendwie an das Trauma erinnert. Auch Depressionen oder Angststörungen können Folge einer Flucht sein. „Wir versuchen ihnen zu erklären, dass nicht sie selbst verrückt sind, sondern die Welt – und sie völlig normal auf eine unnormale Situation reagieren“, sagt Emminghaus. Sehr viele seiner Patienten wünschten sich, dass das Erlebte nie passiert wäre. Oder dass sie es wenigstens vergessen könnten. Doch ein Trauma wird man nicht los. Sie müssen damit leben und damit umgehen lernen, das sei die einzige Chance, sagt der Therapeut Emminghaus. Er nennt das: aus heißen Erinnerungen kalte machen.

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