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Flüchtlinge : Es kommen nicht nur die Gesunden

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Werner Fleck sieht das kritisch. Er befürchtet, dass sich im kommenden Winter in den Unterkünften eine Grippewelle rasch ausbreiten könnte. Das würde in der Folge das gesamte Gesundheitssystem belasten. Andreas Gilsdorf, der das Fachgebiet Überwachung am Robert-Koch-Institut leitet, ist weniger besorgt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir an eine Belastungsgrenze kommen.“ Solange die Allgemeinbevölkerung über einen guten Impfschutz verfüge, bestehe kaum ein Risiko. Zwar hat das Robert-Koch-Institut vor kurzem eine lange Liste möglicher seltener Infektionserkrankungen herausgegeben. Dennoch sagt er: „Wir sehen nicht, dass die Flüchtlinge diese massenweise einschleppen. Eher treten bei ihnen die auch in Deutschland üblichen Erkrankungen auf.“

Zu den nun beschlossenen Maßnahmen gehört auch die mögliche Einführung einer Versichertenkarte für Flüchtlinge. Darüber soll jede Kommune selbst entscheiden können. Bislang steckt in den meisten Bundesländern hinter jeder medizinischen Behandlung eine Menge Bürokratie. Zunächst muss der Flüchtling die Behandlung beim Sozialamt beantragen. Erst dann darf er zum Arzt gehen, der seine Rechnung zurück an das Sozialamt schickt. Mediziner und vor allem die Ämter sind damit überlastet.

Eine Versichertenkarte für Flüchtlinge lohnt sich auch finanziell

Bremen und Hamburg haben deshalb bereits eine reguläre Versichertenkarte eingeführt. Die AOK Bremen teilt sie an Flüchtlinge aus und erhält dafür von den Sozialämtern eine Abschlagszahlung pro Flüchtling. In Hamburg, das ergab eine Anfrage bei der Behörde für Arbeit und Soziales, spare man auf diese Weise durch „nicht erforderliche Personalkosten sowie daran hängende Sachkosten“ hochgerechnet 1,6 Millionen Euro pro Jahr.

Aber die Karte wirkt sich noch in anderer Form auf die Versorgung aus: Dank ihr, erklärt Kayvan Bozorgmehr, Gesundheitswissenschaftler am Uniklinikum Heidelberg, „sind in der Versorgung von regulär Versicherten und Asylbewerbern de facto keine Unterschiede mehr zu spüren“. Asylsuchende haben in den ersten fünfzehn Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland eigentlich nur einen begrenzten Anspruch auf Behandlung. Das regelt das Asylbewerber-Leistungsgesetz, das vorsieht, nur akute und schmerzhafte Erkrankungen sowie Schwangerschaften zu behandeln. Mit der Ethik der Medizin ist das kaum zu vereinbaren. Selbst das Bundesverfassungsgericht befand 2012, die Menschenwürde sei „migrationspolitisch nicht zu relativieren“ und bezog sich damit ausdrücklich auch auf die Gesundheitsversorgung.

Bessere psychologische Betreuung nur für anerkannte Flüchtlinge

Auch aus ökonomischer Sicht ist diese restriktive Regelung sinnlos. Sie belaste den Steuerzahler zusätzlich, sagt Kayvan Bozorgmehr. Vor wenigen Wochen veröffentlichte er in PlosOne eine Studie, die nachwies, dass die Pro-Kopf-Ausgaben für Asylbewerber, die nur eine eingeschränkte Versorgung erhielten, um vierzig Prozent höher lagen als bei denen, die in den Genuss einer Regelversorgung kamen. Prävention sei nun mal günstiger als eine Notfallbehandlung. Es sei deshalb eine vertane Chance, den Kommunen zu überlassen, ob sie die Karte einführen wollen.

Eine bessere psychologische Betreuung plant das Kabinett im Übrigen nur für bereits anerkannte Flüchtlinge. Dabei zeigen die jüngsten Vorfälle in den Auffanglagern, dass es gerade auf diesem Gebiet brennt. Die Bundespsychotherapeutenkammer nimmt an, dass die Hälfte aller Geflüchteten psychisch stark angeschlagen oder traumatisiert ist.

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