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Finanzierung von Selbsthilfegruppen : Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?

  • -Aktualisiert am

Viele Patienten verstehen verordnete Therapien nicht - und suchen anderswo Hilfe Bild: ddp

Kaum ein Mensch versteht Beipackzettel. Kein Wunder, daß Selbsthilfegruppen wie Pilze aus dem Boden schießen. Auf deren Internetplattformen berät die Pharmaindustrie gleich mit und wirbt verdeckt für eigene Produkte. Hilfesuchende ahnen davon nichts.

          Die Beobachtung ist nicht gerade neu, aber immer wieder erschütternd: Verläßt ein Patient die Praxis, hat er zumeist weder seine Krankheit noch die verordnete Therapie verstanden. Folgerichtig nimmt auch nur jeder zweite seine Medikamente so ein, wie sie vom Arzt verschrieben wurden. 4000 Tonnen Arznei landen allein in Deutschland jährlich auf dem Müll. Zwischen schulmedizinischer Theorie und realer Praxis klafft eine riesengroße Lücke - mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

          Kein Wunder, daß Selbsthilfegruppen Zulauf haben. Rund 70 000 davon gibt es in Deutschland, mit mehr als drei Millionen Mitgliedern. Zu praktisch allen chronischen Erkrankungen gibt es Rat, von Achromatopsie (Farbenblindheit) bis Zöliakie (Glutenunverträglichkeit). Selbsthilfegruppen setzen auf Mitgliederzeitschriften, Hotlines, Internetseiten mit Patientenforen. Sie veranstalten Seminare und Kongresse. Das kostet natürlich Geld. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) beispielsweise verfügt zusammen mit ihren Landesverbänden über einen Jahresetat von 18,7 Millionen Euro. Inklusive Zivildienstleistender beschäftigt sie 249 Mitarbeiter, plus 5373 Ehrenamtliche. Der Internetauftritt des Vereins wird nach eigenen Angaben täglich viertausendmal angeklickt. Viele Selbsthilfegruppen sind längst zu mittelständigen Unternehmen geworden.

          Sponsoring durch Pharmaunternehmen?

          Wer zahlt das eigentlich alles? Wenn es um Geld und Gesundheit geht, liegt der Verdacht stets nahe, daß die Pharmabranche nicht weit ist. „Bei der DMSG wird der größte Anteil über Erbschaften und Mitgliedsbeiträge finanziert - der Anteil der Pharmaindustrie beträgt im Bundesverband unter fünf Prozent“, sagt dessen Geschäftsführerin Dorothea Pitschnau-Michel. Sie beteuert, daß keine Sponsoring-Verträge geschlossen werden, daß in keiner Publikation irgendein Medikament mit Namen genannt wird. „Aber wir sehen schon das Problem, daß die Industrie in einigen Fällen versucht, diese Grenzen zu überschreiten“, sagt Pitschnau-Michel.

          Nur jeder zweite nimmt Medikamente so ein, wie vom Arzt verschrieben wurde

          In vielen Fällen gelingt ihr das auch. Die Nähe zwischen Industrie und Selbsthilfe für Patienten ist tatsächlich beunruhigend: „Bei einem Viertel aller Selbsthilfegruppen liegt der Anteil des Sponsoring bei etwa zwanzig Prozent, jede zwanzigste Gruppe finanziert sich sogar zur Hälfte aus solchen Geldern“, heißt es im Selbsthilfegruppenjahrbuch 2006. Dabei werden die Gelder sehr ungleich verteilt: „Kleine, ehrenamtlich geführte Gruppen leiden unter permanenter Finanznot, den bundesweiten, großen Organisationen dagegen geht es finanziell zumeist sehr gut“, sagt Kirsten Schubert vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.

          Patienten ahnen von Rolle der Pharmaindustrie nichts

          Die Wissenschaftlerin hat vor vier Tagen einen Werkstattbericht über den Einfluß der Pharmaindustrie auf die Selbsthilfegruppenszene vorgelegt. Teilweise, schreibt die Autorin, fehle jedes Problembewußtsein: „Je höher die Funktion einer Person innerhalb der Selbsthilfe ist, desto eher ist ihr auch die Tatsache bekannt, daß die Industrie auf dem Umweg über die Patienten Einfluß auf die Verordnungen von Medikamenten nimmt.“ Die hilfesuchenden Patienten ahnen von der Rolle der Pharmaindustrie in der Regel nichts.

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