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Gefahr durch Tattoos? : Der Krieg der Farben

Bei Tätowierungen wie diesem Krieger ist Feinstarbeit nötig: Die Farben sollen in der Lederhaut landen, die ist nur rund einen halben Millimeter dick. Bild: © Camera Lucida Production

Tätowierer schlagen Alarm: In Europa sollen bestimmte Pigmente aus den Tätowierfarben verschwinden. Aber so ein Verbot könnte mehr schaden als nutzen.

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          Der Tätowierer Jörn Elsenbruch ist angetreten, um die Farben zu retten. Wenn er erklärt, warum er eine Petition gegen die Europäische Chemikalienagentur gestartet hat, spricht er von malerischen Sonnenuntergängen. Von einer goldgelben Sonne, die mit rotem Glühen im Meer versinkt – allerdings könnte bald das Meer fehlen, zumindest im Tattoo. Die Chemikalienagentur hat vergangene Woche darüber beraten, neben rund 4000 weiteren Stoffen die Farbpigmente Blue 15 und Green 7 für Tätowierfarben zu verbieten. Weil diese Pigmente nicht nur in Blau- und Grüntönen enthalten sind, würde die Palette der europäischen Tätowierer dann auf Schwarz, Rot und Gelb zusammenschrumpfen. „Das betrifft mehr als sechzig Prozent unserer Farben“, sagt Elsenbruch.

          Johanna Kuroczik

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Chemikalienagentur möchte mit ihrem Vorstoß Tattoo-Farben sicherer machen. Dass dies dringend nötig ist, bezweifelt wohl niemand: Tätowiermittel werden bisher kaum reguliert, weder werden sie an Menschen getestet noch durchlaufen sie ein Zulassungsverfahren. Vor mehr als zehn Jahren wurde in Deutschland zwar die Tätowiermittel-Verordnung aufgesetzt, darin werden neben den krebserregenden Azofarbstoffen rund vierzig weitere Ingredienzien aufgelistet, die in Tattoo-Farben nichts zu suchen haben. Die Kontrolle übernehmen die Veterinärämter, man sammelt Proben in Studios oder bei den Herstellern. In Hessen hat das Landeslabor nach eigenen Angaben in den vergangenen fünf Jahren weniger als fünfzig Proben analysiert; beanstandet wurden meist nur die Kennzeichnungen der Flaschen. Eine zentrale europäische Regelung würde die Testverfahren übersichtlicher machen, erklärt ein Sprecher. Doch Experten warnen, ein Verbot, wie es die Chemikalienagentur plant, könnte Tattoo-Fans mehr schaden als nützen.

          Vom Tattoo-Studio ins Krankenhaus

          In Deutschland sind nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Risikobewertung zwölf von hundert Erwachsenen tätowiert, bei jungen Menschen unter 23 Jahren trägt jeder Vierte ein Tattoo. Beim Tätowieren sticht die vibrierende Nadel mehr als hundert Mal pro Sekunde zu und injiziert dabei in jeden Quadratzentimeter Haut rund 2,5 Milligramm Farbe. Es entstehen offene Wunden, und die häufigsten Probleme treten in der Nähe der Einstichstellen auf: Das Tattoo kann sich beispielsweise durch verunreinigte Nadeln oder Keime in der Farbflüssigkeit infizieren, was starke Entzündungen verursachen kann. Einige Tätowierte reagieren allergisch auf den neuen Körperschmuck, besonders auf rote Farben; in seltenen Fällen kann das zu einer starken anaphylaktischen Reaktion führen, die im Krankenhaus behandelt werden muss.

          Tatoo als Kunstwerk, aufgenommen auf der Tatoo-Expo in Kuala Lumpur Ende November 2019. Bilderstrecke

          Üblicherweise werden die Farben in die sogenannte Lederhaut, die Dermis, injiziert. Darüber liegt die äußerste Hautschicht, die sich ständig erneuernde Epidermis, ein Tattoo würde da schnell verblassen. In den tieferen Hautschichten kommen Farben zwangsläufig in Kontakt mit Blut- und Lymphgefäßen und werden in die Lymphknoten transportiert, könnten also theoretisch jedes Organ erreichen. So wird immer wieder diskutiert, ob Tattoos Krebs auslösen, denn manche Farbstoffe enthalten Substanzen, die als krebserregend gelten.

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