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Ess-Anfälle : Kontrollverlust vor dem Kühlschrank

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Wissenschaftler kommen den neurobiologischen Ursachen von Ess-Attacken auf die Spur. Zwei Prozent der Bevölkerung sind betroffen. Psychotherapie hilft - aber nur zum Teil.

          3 Min.

          Kaum eine Diagnose glitt so still und unbemerkt in das vor einem knappen Jahr nach einer Überarbeitung neu veröffentlichte amerikanische Klassifikationssystem psychischer Störungen, das DSM-5, wie diese: Um die „Binge Eating-Störung“ wurden keine Kämpfe zwischen Patienten und Wissenschaftlern ausgefochten, es gab kaum mediale Kritik und keine Beweisforderungen. Vielleicht lag das daran, dass diese Essstörung schon 1959 erstmals erwähnt worden war, jahrelang im Appendix der Vorgängerfassung DSM-IV dümpelte und unter Klinikern inzwischen unbestritten als eine der häufigsten Essstörungen überhaupt gilt – mit knapp zwei Prozent der Gesamtbevölkerung, die von den Symptomen, nämlich typischen Essanfällen unter massivem Kontrollverlust, und den Folgen, meist starkem Übergewicht, betroffen sind. Diese Zahl ermittelte Ronald Kessler von der Harvard Medical School im vergangenen Jahr durch eine Studie mit 24000 Teilnehmern aus vierzehn Ländern („Biological Psychiatry“, Bd.73, Nr.9). Magersucht und die Ess-Brech-Störung Bulimie sind mit 0,3 und einem Prozent deutlich seltener.

          Auf dem Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin in der vergangenen Woche sagte Martina de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover, sie gehe fest davon aus, dass auch die in den kommenden drei Jahren erwartete Neufassung des europäischen Klassifikationssystems, ICD-11, die Diagnose enthalten wird. „Das Interesse an der Binge Eating-Störung bleibt anhaltend groß durch die Überlappung mit Adipositas“, so de Zwaan. Inzwischen kämen auch Adipositasforscher auf die psychosomatischen Kliniken zu, in denen die Störung behandelt wird. Für die kognitive Verhaltenstherapie, erklärte de Zwaan in Berlin, gebe es derzeit die besten Wirksamkeitsbelege. In den meisten Fällen werden Betroffene ambulant behandelt. Nur bei Komorbiditäten, also begleitenden Störungen, kommt eine stationäre Aufnahme in Frage. „Es sieht allerdings derzeit so aus, als sei die Binge Eating-Störung ein Marker für erhöhte Komorbidität“, sagte de Zwaan, die in einer Studie nachwies, dass übergewichtige Frauen mit Binge Eating-Störung im Vergleich zu übergewichtigen Frauen ohne Essanfälle eine stärker ausgeprägte allgemeine Psychopathologie zeigten, etwa Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen.

          Gewichtsverlust oft nicht zu erreichen

          Mit Psychotherapie ließen sich zwar die Symptomatik und der Leidensdruck verbessern, bilanzierte de Zwaan. Das, was die Betroffenen sich erhoffen, nämlich einen Gewichtsverlust, sei jedoch nur bedingt zu erreichen. Die Gewichtsabnahmen seien nur leicht. „Kann man die Essanfälle reduzieren, verhindert das aber möglicherweise eine weitere Gewichtszunahme.“ Bisherige Daten legen zudem nahe, dass „Binge Eater“ ohne Therapie im Fünf-Jahres-Verlauf deutlich zunehmen. Die Störung ist nach Definition im DSM-5 durch mindestens eine Essattacke pro Woche gekennzeichnet. Die Betroffenen führen sich 600 bis 3000 Kalorien pro Essanfall zu. Viele Binge Eating-Patienten nehmen auch ständig Nahrung auf, was als „grazing“ oder „nibbling“ bezeichnet wird. Sie empfinden beim Essen mehr „Genuss“ als Bulimiepatienten; bei der Hälfte der „Binge Eater“ beginnt die Störung, ohne dass je eine Diät ausprobiert, also restriktives Essverhalten gezeigt wurde, während Bulimie-Patienten immer mit einer Diät beginnen, bevor sie das Ess-Brech-Verhalten zeigen. „Binge Eater“ sind zu einem etwas höheren Anteil Frauen als Männer; die Störung setzt im Teenager- oder frühen Erwachsenenalter ein.

          Im Hinblick auf die Ursachen von Essstörungen wachse das Bewusstsein für neurobiologische Zusammenhänge – auch, weil das Wissen darüber Eltern entlaste, erklärte Hans-Christoph Friederich vom Uniklinikum Heidelberg in Berlin. Ein Team von der Klinik für Psychosomatische Medizin am Uniklinikum Tübingen zeigte etwa 2013 mit einer Übersichtsstudie in den „Obesity Reviews“ (doi: 10.1111/obr.12017), dass Menschen mit Binge Eating-Störung in neueren Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomografie eine erhöhte Empfindlichkeit des Belohnungssystems aufweisen, wenn sie mit Nahrungsreizen konfrontiert werden. Sie neigen auch zu vorschnellem Handeln bei Testaufgaben, die etwa als Computerspiel mit Gewinn und Verlust konzipiert sind. Deshalb wird die Störung inzwischen als ein Typ der Adipositas gesehen, der mit einer Störung der Impulskontrolle einhergeht.

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