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Erste Hilfe : Per Elektroschock zurück ins Leben

  • -Aktualisiert am

Der „Defi“ kann helfen, aber eine Herzmassage sollte Priorität haben. Bild: argum / Falk Heller

Setzt das Herz plötzlich aus, kann ein Defibrillator die Rettung sein. Deshalb verteilt man automatisierte, einfach bedienbare Geräte großzügig im öffentlichen Raum. Doch fünfzehn Jahre nach der Einführung fällt die Bilanz nicht nur positiv aus.

          6 Min.

          Es ist der Nachmittag des 21. Dezembers 2014. Udo Jürgens geht in seinem Rückzugsort, der Schweizer Gemeinde Gottlieben, am Ufer des Seerheins spazieren. Da wird dem Entertainer schwindelig. Er stützt sich auf ein parkendes Auto, bricht dann bewusstlos zusammen. Sein Begleiter ruft sofort den Notarzt und rennt zum nahen Gemeindehaus, um den dort stationierten automatischen Defibrillator zu holen. Trotz aller Wiederbelebungsversuche ist Udo Jürgens nicht mehr zu retten. Später wird er im Kantonsspital Münsterlingen für tot erklärt, offenbare Ursache: akutes Herzversagen.

          Dieses Schicksal teilen je nach Schätzung zwischen 70.000 und 130.000 Menschen in Deutschland jedes Jahr, mehr Opfer fordern nur die sonstigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Den plötzlichen Herztod erleiden meist ältere Männer, auch Udo Jürgens war bereits 80. Das Durchschnittsalter von rund 65 Jahren bedeutet allerdings, dass rund die Hälfte im erwerbsfähigen Alter ist. Die genauen Auslöser des auch als Sekundentod bekannten Phänomens sind unklar, chronische Herzerkrankungen, eine Herzmuskelentzündung oder ein vorausgegangener Herzinfarkt erhöhen das Risiko jedoch erheblich.

          Drücken, bis der Notarzt kommt

          Wenn es zum akuten Versagen kommt, gerät die geordnete elektrische Aktivität des Herzmuskels durcheinander. Statt kräftiger Kontraktionen zuckt das Herz nur noch unkoordiniert, die Pumpleistung geht von einem Moment auf den nächsten gegen null. Das Gehirn erhält keinen Sauerstoff mehr, und der Betroffene bricht innerhalb von Sekunden zusammen. Dieser Zustand ohne Kreislauf ist kritisch: Mit jeder Minute sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent, so die Faustregel. Aber die Gefahr lässt sich mitunter bannen, wenn ein Helfer mit einer Herzdruckmassage bis zum Eintreffen des Notarztes eine Art Minimalkreislauf aufrechterhält.

          Der Arzt greift dann zum Defibrillator, der zudem als mobiles EKG-Gerät fungiert, und überprüft zunächst die Herzaktivität. Zum dramatisch effektiven Einsatz, wie man es vielleicht aus Krankenhausserien kennt, kommt der „Defi“ nur im Falle eines Herzkammerflimmerns: Dann soll ein kurzer Stromschlag die ungeordnete elektrische Aktivität der Herzmuskelzellen wieder gleichschalten; im Idealfall nimmt das Herz nach diesem heilsamen Schock wieder die Arbeit auf. Weil das Organ aber von dieser, noch beeinflussbaren Phase schon nach wenigen Minuten in den Stillstand übergeht, ist der Erfolg eines Defis abhängig von der Zeit, die zwischen Zusammenbruch und Schock vergeht.

          Die Geräte sind sicher und können Leben retten

          Selbst im notfallmedizinisch gut versorgten Deutschland dauert es aber meist zehn oder mehr Minuten, bis der Notarzt eintrifft. Die Aussichten, einen plötzlichen Herzstillstand zu überstehen, sind daher düster: Nur etwa jeder zehnte Patient verlässt das Krankenhaus lebend. In vielen Industriestaaten wird seit Ende der neunziger Jahre deshalb eine andere Strategie verfolgt: Automatische externe Defibrillatoren, kurz AEDs, heißen die handtaschengroßen Geräte, die heute fast schon zum Stadtbild gehören und an vielen öffentlichen Plätzen, Bahnhöfen und Flughäfen zu finden sind. Im Prinzip sind sie leicht zu bedienen, nach dem Einschalten geben sie alle nötigen Anweisungen und analysieren über ihre zwei Klebeelektroden automatisch den Herzrhythmus. Nur im Fall eines behandelbaren EKG-Musters erfolgt der Befehl „Schock auslösen!“, und eine für wenige Millisekunden angelegte Spannung von mehreren tausend Volt bewegt das flatternde Herz hoffentlich zum Neustart. Dass AEDs sicher sind und unter den richtigen Umständen Leben retten können, steht inzwischen außer Zweifel. In der Praxis stellen sich darüber hinaus jedoch noch ganz andere Fragen: Wie dicht sollte das Netz verfügbarer AEDs gespannt sein? Was darf es kosten? Wer sorgt für die regelmäßige Wartung der Geräte? Fünfzehn Jahre nach Einführung der ersten AEDs in Deutschland fällt jetzt die Bilanz der vielbeachteten Pilotprojekte durchwachsen aus.

          Im Jahr 2001 wurde etwa ein großes Freizeitbad in Herne mit acht AEDs ausgerüstet. Seither zählte man mehr als zwölf Millionen Besucher, doch keines der Geräte kam dort bisher zum Schockeinsatz, ebenso wenig wie die AEDs am Düsseldorfer Landtag oder die der Verkehrsbetriebe Hannovers. Anders sieht es am Frankfurter Flughafen aus, wo man jährlich rund 60 Millionen Passagiere zählt. Hier stehen inzwischen 88 Geräte bereit, und seit 2003 wurde damit in 25 Fällen eine Spannung zur Schockbehandlung angelegt - sechzehn dieser Patienten überlebten. Auch die gut hundert AEDs im System der Münchner U-Bahn sollen nach Angaben der Verkehrsbetriebe seit 2002 bereits mehr als zwanzig Leben gerettet haben. Allerdings werden in solchen Pilotprojekten potentielle Ersthelfer auch in der Wiederbelebung durch Herzdruckmassage geschult, so lässt sich nicht immer auseinanderhalten, welches Verfahren denn nun half.

          Der plötzliche Herztod tritt oft in den eigenen vier Wänden ein

          Für rund 1000 Euro sind AEDs frei erhältlich. Und niemand kann sagen, wie viele in Deutschland auf einen Einsatz warten. „Ein zentrales Register mit Lageplänen, mit deren Hilfe Notrufleitstellen Anrufer zum nächsten Gerät dirigieren könnten, gibt es leider nur vereinzelt auf lokaler Ebene“, sagt Kardiologe Hans-Joachim Trappe aus Herne, der sich als Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung für die Verteilung einsetzt. Dass viele AED-Initiativen bisher ohne Erfolgsmeldung blieben, lässt Trappe nicht als Argument gegen das Konzept gelten: „Jedes aufgestellte Gerät ist sinnvoll. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Airbags im Auto oder Feuerlöscher abzuschaffen, nur weil die große Mehrzahl davon nie zum Einsatz kommt.“

          Jedes gerettete Leben kann man als Erfolg werten, dennoch ist die anfängliche Euphorie einer gewissen Ernüchterung gewichen. „Die Zahl der tatsächlichen AED-Einsätze ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben“, gibt Trappe zu. Das liegt auch an der Statistik, die nun mal registrieren muss, dass der plötzliche Herztod oft in den eigenen vier Wänden eintritt - im Schlaf oder ohne Zeugen, die helfen könnten. Und falls es in der Öffentlichkeit geschieht und ein Defibrillator zur Verfügung steht: Das Gerät kann nicht immer helfen - schätzungsweise nur in zwanzig bis fünfzig Prozent aller Fälle von akutem Herzversagen.

          Der Effekt lässt sich auch deshalb schwer beziffern, weil Notfallmediziner oft auf Beobachtungsstudien mit methodischen Mängeln angewiesen sind. Sie untersuchen beispielsweise im Nachhinein, wie sich die Überlebensrate bei akutem Herzversagen nach der lokalen Einführung von AEDs verändert hat. Aber dabei können immer auch ganz andere Faktoren eine Rolle gespielt haben.

          Bewährt an stark frequentierten Orten in Verbindung mit geschultem Personal

          Besser interpretierbare Studien, die den spezifischen Effekt von AEDs untersuchen, sind die Ausnahme, denn die geringen Fallzahlen sind eine Herausforderung für die Statistik. Das veranschaulicht eine große Studie, die 2004 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde: Amerikanische Forscher hatten dafür fast 20.000 freiwillige Helfer in knapp tausend rege besuchten Einkaufszentren, Freizeitanlagen oder Bürokomplexen in der Herz-Lungen-Wiederbelebung ausgebildet. Von diesen Personen erhielten rund fünfzig Prozent - zufällig ausgewählt - noch zusätzlich AEDs. Und diese Gruppe konnte innerhalb von drei Jahren 30 von 128 Patienten mit akutem Herzversagen retten; die anderen konnten 15 von 107 Betroffenen helfen. Dieser Unterschied steht statistisch auf wackligen Beinen. Ungewöhnlich deutlich fiel hingegen der Nutzen von AEDs in einer kürzlich im „American Heart Journal“ veröffentlichten Studie mit den Daten eines Pilotprojekts in der norditalienischen Stadt Piacenza aus. Dort sind inzwischen mehr als 500 AEDs einsatzbereit, und im Verlauf von dreizehn Jahren erhielten damit 95 Menschen mit akutem Herzversagen eine Schockbehandlung, 39 überlebten - und das, obwohl die Schulungsprogramme für die Bevölkerung entgegen aller heute geltenden Leitlinien von einer Herzdruckmassage abrieten.

          Unterm Strich zeigt sich ein positiver, wenn auch nur kleiner Effekt: „AEDs sind eine sinnvolle Ergänzung für Nothilfesysteme“, schließt Clifton Callaway, Professor für Notfallmedizin an der University of Pittsburgh und Experte der American Heart Association. Den größten Nutzen hätten die Geräte an stark frequentierten Orten und in Verbindung mit der Schulung von möglichen Ersthelfern. Im privaten Heim von Risikopatienten oder als zusätzliche Option zur Wiederbelebung von Krankenhauspatienten hätten sie sich dagegen nicht bewährt.

          Erste-Hilfe-Kurse am besten schon in der Schule

          Wunder bewirken Defis also nur, wenn die Umstände aus mehreren Gründen günstig sind. Sie sind keine magischen Werkzeuge, als die sie in Film und Fernsehen oder in AED-Kampagnen oft dargestellt werden. Gerade dieses Image als vermeintliches Allheilmittel könne sie sogar zur Gefahr für den Betroffenen machen, meint der Kölner Notfallmediziner Bernd Böttiger, der die Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln leitet: „In den Händen von Laien halte ich AEDs auch für gefährlich, denn sie lenken von der eigentlich lebensrettenden Maßnahme ab - der Herzdruckmassage.“

          Dass die Herzdruckmassage Priorität habe, bestreitet auch AED-Befürworter Hans-Joachim Trappe nicht. Er warnt aber davor, die beiden Ansätze gegeneinander auszuspielen oder nur auf die Kosten zu schauen, wolle man ein Netz für Notfälle spannen. Aber selbst als Zusatzoption hält Böttiger wenig von den Geräten: „Mit seinem manuellen Defi muss ein Notarzt die Herzdruckmassage nur wenige Sekunden unterbrechen. Ein AED-Einsatz kostet dagegen anderthalb bis dreieinhalb wertvolle Minuten und hilft dann bestenfalls Betroffenen mit behandelbaren Rhythmen. Für den weit überwiegenden Teil verschlechtern sich die Aussichten sogar.“ Sinnvoller seien AEDs in den Händen von ausgebildeten Ersthelfern, etwa Polizisten oder Mitarbeitern von Flughäfen, gerade wenn das Gerät über einen schnelleren Expertenmodus verfüge - so lasse sich wertvolle Zeit sparen. Auch an Bord von Flugzeugen und Schiffen oder an Orten, an denen professionelle Hilfe erst später zu erwarten sei, könnten die Geräte Leben retten. Anstatt aber Millionen in ein flächendeckendes AED-Netz zu stecken, meint Böttiger, sollte man lieber die Bereitschaft, eine einfache Herzdruckmassage durchzuführen, in der Bevölkerung verankern: durch kurze Wiederbelebungskurse, am besten schon im Schulalter. Denn nur in einem von fünf Fällen erfolgt in Deutschland eine Herzdruckmassage, bevor der Notarzt eintrifft. Vorbilder wären die Niederlande oder Dänemark, wo Wiederbelebung seit 2005 auf dem Lehrplan der Grundschulen steht: Dort helfen Anwesende in rund neun von zehn Fällen. „Menschen dazu zu bewegen, überhaupt Hilfe zu leisten, ist das wichtigste Ziel“, sagt auch Clifton Callaway, in dessen Heimat die Bereitschaft ähnlich niedrig ist wie in Deutschland. „Wo die Herzdruckmassage versäumt wird, hilft auch ein AED nicht mehr.“

          Und der Fall von Udo Jürgens ist ein trauriges Beispiel dafür, dass solche Geräte eben nicht jeden retten können.

          Bei Herzstillstand

          Es kann jeden treffen, und dann kommt es darauf an, so schnell wie möglich mit der Herzdruckmassage bei dem Bewusstlosen zu beginnen, welche die Überlebenschance verdoppelt bis vervierfacht. Fachverbände empfehlen mit der Initiative „Ein Leben retten“ folgende drei Schritte:

          1. Prüfen - Sprechen Sie die Person an: „Hören Sie mich?“ Schütteln Sie an den Schultern: Keine Reaktion? Achten Sie auf die Atmung: Keine Atmung oder keine normale (Schnappatmung)?

          2. Rufen Sie die Nummer 112 an. Oder veranlassen Sie jemand anderes zum Notruf.

          3. Drücken - Sofort mit der Herzdruckmassage beginnen: Machen Sie den Brustkorb frei. Legen Sie den Ballen Ihrer Hand auf die Mitte der Brust, den Ballen Ihrer anderen Hand darüber. Verschränken Sie die Finger. Halten Sie die Arme gerade und gehen Sie senkrecht mit den Schultern über den Druckpunkt, um mehr Kraft auszuüben. Drücken Sie das Brustbein fünf (max. sechs) Zentimeter nach unten. Drücken Sie 100 bis 120 mal pro Minute, als Richtwert gilt der Beat des Bee-Gees-Hits „Staying Alive“. Hören Sie damit nicht auf, bis Hilfe eintrifft. Geschulte Helfer sollten auch Mund-zu-Mund-Beatmungen durchführen, und zwar im Verhältnis von 30 Herzdruckmassagen zu zwei Beatmungen.

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