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Erste Hilfe : Per Elektroschock zurück ins Leben

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Unterm Strich zeigt sich ein positiver, wenn auch nur kleiner Effekt: „AEDs sind eine sinnvolle Ergänzung für Nothilfesysteme“, schließt Clifton Callaway, Professor für Notfallmedizin an der University of Pittsburgh und Experte der American Heart Association. Den größten Nutzen hätten die Geräte an stark frequentierten Orten und in Verbindung mit der Schulung von möglichen Ersthelfern. Im privaten Heim von Risikopatienten oder als zusätzliche Option zur Wiederbelebung von Krankenhauspatienten hätten sie sich dagegen nicht bewährt.

Erste-Hilfe-Kurse am besten schon in der Schule

Wunder bewirken Defis also nur, wenn die Umstände aus mehreren Gründen günstig sind. Sie sind keine magischen Werkzeuge, als die sie in Film und Fernsehen oder in AED-Kampagnen oft dargestellt werden. Gerade dieses Image als vermeintliches Allheilmittel könne sie sogar zur Gefahr für den Betroffenen machen, meint der Kölner Notfallmediziner Bernd Böttiger, der die Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln leitet: „In den Händen von Laien halte ich AEDs auch für gefährlich, denn sie lenken von der eigentlich lebensrettenden Maßnahme ab - der Herzdruckmassage.“

Dass die Herzdruckmassage Priorität habe, bestreitet auch AED-Befürworter Hans-Joachim Trappe nicht. Er warnt aber davor, die beiden Ansätze gegeneinander auszuspielen oder nur auf die Kosten zu schauen, wolle man ein Netz für Notfälle spannen. Aber selbst als Zusatzoption hält Böttiger wenig von den Geräten: „Mit seinem manuellen Defi muss ein Notarzt die Herzdruckmassage nur wenige Sekunden unterbrechen. Ein AED-Einsatz kostet dagegen anderthalb bis dreieinhalb wertvolle Minuten und hilft dann bestenfalls Betroffenen mit behandelbaren Rhythmen. Für den weit überwiegenden Teil verschlechtern sich die Aussichten sogar.“ Sinnvoller seien AEDs in den Händen von ausgebildeten Ersthelfern, etwa Polizisten oder Mitarbeitern von Flughäfen, gerade wenn das Gerät über einen schnelleren Expertenmodus verfüge - so lasse sich wertvolle Zeit sparen. Auch an Bord von Flugzeugen und Schiffen oder an Orten, an denen professionelle Hilfe erst später zu erwarten sei, könnten die Geräte Leben retten. Anstatt aber Millionen in ein flächendeckendes AED-Netz zu stecken, meint Böttiger, sollte man lieber die Bereitschaft, eine einfache Herzdruckmassage durchzuführen, in der Bevölkerung verankern: durch kurze Wiederbelebungskurse, am besten schon im Schulalter. Denn nur in einem von fünf Fällen erfolgt in Deutschland eine Herzdruckmassage, bevor der Notarzt eintrifft. Vorbilder wären die Niederlande oder Dänemark, wo Wiederbelebung seit 2005 auf dem Lehrplan der Grundschulen steht: Dort helfen Anwesende in rund neun von zehn Fällen. „Menschen dazu zu bewegen, überhaupt Hilfe zu leisten, ist das wichtigste Ziel“, sagt auch Clifton Callaway, in dessen Heimat die Bereitschaft ähnlich niedrig ist wie in Deutschland. „Wo die Herzdruckmassage versäumt wird, hilft auch ein AED nicht mehr.“

Und der Fall von Udo Jürgens ist ein trauriges Beispiel dafür, dass solche Geräte eben nicht jeden retten können.

Bei Herzstillstand

Es kann jeden treffen, und dann kommt es darauf an, so schnell wie möglich mit der Herzdruckmassage bei dem Bewusstlosen zu beginnen, welche die Überlebenschance verdoppelt bis vervierfacht. Fachverbände empfehlen mit der Initiative „Ein Leben retten“ folgende drei Schritte:

1. Prüfen - Sprechen Sie die Person an: „Hören Sie mich?“ Schütteln Sie an den Schultern: Keine Reaktion? Achten Sie auf die Atmung: Keine Atmung oder keine normale (Schnappatmung)?

2. Rufen Sie die Nummer 112 an. Oder veranlassen Sie jemand anderes zum Notruf.

3. Drücken - Sofort mit der Herzdruckmassage beginnen: Machen Sie den Brustkorb frei. Legen Sie den Ballen Ihrer Hand auf die Mitte der Brust, den Ballen Ihrer anderen Hand darüber. Verschränken Sie die Finger. Halten Sie die Arme gerade und gehen Sie senkrecht mit den Schultern über den Druckpunkt, um mehr Kraft auszuüben. Drücken Sie das Brustbein fünf (max. sechs) Zentimeter nach unten. Drücken Sie 100 bis 120 mal pro Minute, als Richtwert gilt der Beat des Bee-Gees-Hits „Staying Alive“. Hören Sie damit nicht auf, bis Hilfe eintrifft. Geschulte Helfer sollten auch Mund-zu-Mund-Beatmungen durchführen, und zwar im Verhältnis von 30 Herzdruckmassagen zu zwei Beatmungen.

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