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Erste Hilfe : Per Elektroschock zurück ins Leben

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Im Jahr 2001 wurde etwa ein großes Freizeitbad in Herne mit acht AEDs ausgerüstet. Seither zählte man mehr als zwölf Millionen Besucher, doch keines der Geräte kam dort bisher zum Schockeinsatz, ebenso wenig wie die AEDs am Düsseldorfer Landtag oder die der Verkehrsbetriebe Hannovers. Anders sieht es am Frankfurter Flughafen aus, wo man jährlich rund 60 Millionen Passagiere zählt. Hier stehen inzwischen 88 Geräte bereit, und seit 2003 wurde damit in 25 Fällen eine Spannung zur Schockbehandlung angelegt - sechzehn dieser Patienten überlebten. Auch die gut hundert AEDs im System der Münchner U-Bahn sollen nach Angaben der Verkehrsbetriebe seit 2002 bereits mehr als zwanzig Leben gerettet haben. Allerdings werden in solchen Pilotprojekten potentielle Ersthelfer auch in der Wiederbelebung durch Herzdruckmassage geschult, so lässt sich nicht immer auseinanderhalten, welches Verfahren denn nun half.

Der plötzliche Herztod tritt oft in den eigenen vier Wänden ein

Für rund 1000 Euro sind AEDs frei erhältlich. Und niemand kann sagen, wie viele in Deutschland auf einen Einsatz warten. „Ein zentrales Register mit Lageplänen, mit deren Hilfe Notrufleitstellen Anrufer zum nächsten Gerät dirigieren könnten, gibt es leider nur vereinzelt auf lokaler Ebene“, sagt Kardiologe Hans-Joachim Trappe aus Herne, der sich als Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung für die Verteilung einsetzt. Dass viele AED-Initiativen bisher ohne Erfolgsmeldung blieben, lässt Trappe nicht als Argument gegen das Konzept gelten: „Jedes aufgestellte Gerät ist sinnvoll. Es käme ja auch niemand auf die Idee, Airbags im Auto oder Feuerlöscher abzuschaffen, nur weil die große Mehrzahl davon nie zum Einsatz kommt.“

Jedes gerettete Leben kann man als Erfolg werten, dennoch ist die anfängliche Euphorie einer gewissen Ernüchterung gewichen. „Die Zahl der tatsächlichen AED-Einsätze ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben“, gibt Trappe zu. Das liegt auch an der Statistik, die nun mal registrieren muss, dass der plötzliche Herztod oft in den eigenen vier Wänden eintritt - im Schlaf oder ohne Zeugen, die helfen könnten. Und falls es in der Öffentlichkeit geschieht und ein Defibrillator zur Verfügung steht: Das Gerät kann nicht immer helfen - schätzungsweise nur in zwanzig bis fünfzig Prozent aller Fälle von akutem Herzversagen.

Der Effekt lässt sich auch deshalb schwer beziffern, weil Notfallmediziner oft auf Beobachtungsstudien mit methodischen Mängeln angewiesen sind. Sie untersuchen beispielsweise im Nachhinein, wie sich die Überlebensrate bei akutem Herzversagen nach der lokalen Einführung von AEDs verändert hat. Aber dabei können immer auch ganz andere Faktoren eine Rolle gespielt haben.

Bewährt an stark frequentierten Orten in Verbindung mit geschultem Personal

Besser interpretierbare Studien, die den spezifischen Effekt von AEDs untersuchen, sind die Ausnahme, denn die geringen Fallzahlen sind eine Herausforderung für die Statistik. Das veranschaulicht eine große Studie, die 2004 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde: Amerikanische Forscher hatten dafür fast 20.000 freiwillige Helfer in knapp tausend rege besuchten Einkaufszentren, Freizeitanlagen oder Bürokomplexen in der Herz-Lungen-Wiederbelebung ausgebildet. Von diesen Personen erhielten rund fünfzig Prozent - zufällig ausgewählt - noch zusätzlich AEDs. Und diese Gruppe konnte innerhalb von drei Jahren 30 von 128 Patienten mit akutem Herzversagen retten; die anderen konnten 15 von 107 Betroffenen helfen. Dieser Unterschied steht statistisch auf wackligen Beinen. Ungewöhnlich deutlich fiel hingegen der Nutzen von AEDs in einer kürzlich im „American Heart Journal“ veröffentlichten Studie mit den Daten eines Pilotprojekts in der norditalienischen Stadt Piacenza aus. Dort sind inzwischen mehr als 500 AEDs einsatzbereit, und im Verlauf von dreizehn Jahren erhielten damit 95 Menschen mit akutem Herzversagen eine Schockbehandlung, 39 überlebten - und das, obwohl die Schulungsprogramme für die Bevölkerung entgegen aller heute geltenden Leitlinien von einer Herzdruckmassage abrieten.

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