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Ernährung : Die Last der prallen Leiber

„Frittenfalle”: Europäer specken mächtig auf Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Um 400.000 Schulkinder wächst Jahr für Jahr die Zahl der übergewichtigen Kinder - nicht etwa in der Burger- und Frittennation jenseits des Atlantiks, sondern im aufgeklärten Europa. Die Zeiten sind vorbei, in denen wir spöttisch mit den Fingern auf die taillenlosen Amerikaner deuten konnten.

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          Manche Lawinen überrollen einen plötzlich. Andere, und um solche geht es in der Demographie wie im Gesundheitswesen einer Gesellschaft gleichermaßen oft, kündigen sich Generationen vorher an. Ein Vorteil, sollte man meinen. Doch ganz offensichtlich wird er nicht genutzt. Um 400.000 Schulkinder wächst Jahr für Jahr die Zahl der übergewichtigen Kinder - nicht etwa in der Burger- und Frittennation jenseits des Atlantiks, sondern im aufgeklärten Europa.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Zeiten sind vorbei, in denen wir spöttisch mit den Fingern auf die taillenlosen Amerikaner deuten konnten, so klang das Lamento des Gesundheitskommissars der Europäischen Union, Markos Kyprianou, als er vor wenigen Tagen ein "Europäisches Aktionsbündnis gegen Fettleibigkeit" ankündigte. Mindestens sieben Länder, angeführt von Griechenland und Deutschland, stellten, was den Anteil der übergewichtigen und fettleibigen Erwachsenen an der Gesamtbevölkerung angeht, die Vereinigten Staaten inzwischen in den Schatten.

          Dreiundzwanzig Prozent der Deutschen weisen einen Körpermassenindex (BMI) von über 30 auf, gelten also als fettsüchtig. Mehr als die Hälfte sind mindestens übergewichtig. Nur was die Häufung von dicken Kindern angeht, vermag der von Kyprianou ins Feld geführte Bericht der "Internationalen Taskforce für Adipositas" der deutschen Seele fast schon zu schmeicheln: Mit unter zwanzig Prozent liegen wir im unteren Viertel. An der Spitze finden sich die Mittelmeerinseln Malta, Sizilien, Gibraltar und Kreta wieder, wo ebenso wie in Spanien, Portugal und Italien der Anteil der übergewichtigen bis fetten Grundschulkinder mittlerweile deutlich über dreißig Prozent liegt. Tendenz: rapide steigend.

          Hartnäckiger Speck

          Was vor mehr als einer Generation seinen Anfang genommen und nun in den Wehklagen des Gesundheitskommissars über die "europäische Adipositas-Epidemie" seine rhetorischen Spitzen bekommen hat, wird in seiner ganzen gesellschaftlichen Konsequenz bis heute von den wenigsten erfaßt. Ganz nach dem mütterlichen Motto, wonach sich der Speck beim Pummelchen später wieder "herauswächst", wird der medizinische und ökonomische Ballast, den man sich damit auflädt, standhaft weitergeschleppt. Zwischen zwei und acht Prozent machen die Kosten der Fettleibigkeit in den europäischen Gesellschaften schon heute aus. Doch auch damit bleibt das Ausmaß der medizinischen Krise allzu abstrakt. Viel anschaulicher zeigt eine vor wenigen Tagen in der Zeitschrift "New England Journal of Medicine" (Bd.352, S.1138) des amerikanischen Alternsforschers Jay Olshansky veröffentlichte Studie, warum es angesichts der besonders bei der jungen Generation grassierenden Fettsucht einem Euphemismus gleichkommt, wenn man wie in der Politik häufig von einer großen Zukunft der "Gesundheitsindustrie" spricht.

          Oder was sagt eine Statistik über den Zustand einer Gesellschaft, wenn - wie die amerikanische Fachgesellschaft der Plastischen Chirurgie vor wenigen Tagen bekanntgab - die Zahl der chirurgischen Entfernungen von Bauch- und Schenkellappen nach massiven Diäten "explodiert" ist: Sie liegt in Amerika mit mehr als hundertsechstausend im vergangenen Jahr bald doppelt so hoch wie noch im Jahre 2000. In Wahrheit ist mit dem sukzessiven körperlichen Kahlschlag eine gefährliche Industrialisierung des Krankenwesens in Gang gesetzt worden, deren zersetzende Wirkung mit den von Olshansky vorgelegten Berechnungen klar vor Augen geführt wird. Der Epidemiologe der University of Illinois in Chikago hat die Auswirkungen der Fettleibigkeit in Amerika auf die demographische Entwicklung seines Landes kalkuliert - und damit nicht nur seinen Landsleuten womöglich eine Illusion genommen, die zuletzt von einer Reihe von Fachleuten aufrechterhalten wurde: die Illusion nämlich, daß die Lebenserwartung der Menschen weiter so ungebrochen und nahezu linear weiterwächst wie in den vergangenen Jahrzehnten.

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