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Heilsame Vorsätze für 2017 : Der Hunger ist ein Tyrann, dem wir trotzen sollten

  • -Aktualisiert am

Kalorien weg, Wasser gerne: „Intermittierendes Fasten“ hat sich bewährt. Bild: ddp Images

Gut ernähren und satt werden ist nicht alles. Heilfaster wissen das. Wie viel ein leerer Magen wirklich leistet, wenn Fasten dauerhaft in den Lebensrhythmus eingebaut ist, zeigt sich mit der „Jungbrunnen“-Chemie.

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          Eigentlich hatten die „Marsbewohner“ gar nicht vorgehabt, den Gürtel enger zu schnallen. Da das Experiment aber bereits angelaufen war, kam eine Umkehr für sie nicht in Betracht: Vor 25 Jahren ließen sich acht Abenteurer zwei Jahre lang in einem von der Außenwelt abgeschotteten Kuppelbau in der Wüste Arizonas einschließen. Ziel des Reality-Unterfangens war die Klärung der Frage, ob der Mensch längere Zeit in einer künstlichen Biosphäre überleben kann und daher in der Lage ist, so unwirtliche Planeten wie den Mars zu besiedeln. In dem knapp 204 000 Kubikmeter umfassenden Ökosystem „Biosphere-2“, das neben Grünflächen und Gewässern auch eine Wüste besaß, mussten sich die künftigen Planetenbewohner mit Ackerbau und Tierzucht versorgen. Aufgrund etlicher Pannen wurde das Essen allerdings schon bald knapp. Dennoch hielten die vier Männer und vier Frauen durch und verließen die futuristische Arche genau zwei Jahre später - zerstritten angeblich, aber allesamt viel schlanker und dennoch nicht mangelernährt.

          Aufschlussreiche Fastenkur in „Biosphäre-2“

          Aus siedlungspolitischer Sicht eine Bruchlandung, hatte das Experiment auch Vorteile: Die Fastenkur wirkte wie ein Jungbrunnen für die Teilnehmer. So fielen der Blutdruck und die Blutfettwerte der Probanden auf Werte, die normalerweise nur bei kleinen Kindern beobachtet werden. In die gleiche positive Richtung bewegten sich auch der Zucker- und der Insulingehalt ihres Bluts. Diese metabolischen Veränderungen könnten den Insassen von Biosphere-2 etwas mehr Lebenszeit beschert haben. Denn Insulin und ein naher Verwandter, der insulinartige Wachstumsfaktor IGF-1, treiben den Alterungsprozess nachweislich voran, jedenfalls bei Tieren. Ob das Gleiche auch für den Menschen zutrifft, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Viele Wissenschaftler halten dies gleichwohl für wahrscheinlich. Denn Nahrungsmangel bringt bei Tieren aller Entwicklungsstufen, angefangen vom Wurm bis hin zu den Primaten, vergleichbare molekulargenetische Prozesse in Gang. Das Hungerprogramm scheint somit Teil des kollektiven Erbguts der meisten Lebewesen zu sein - ein Zeichen, dass es sich bewährt hat.

          Ständig vor halbleeren Tellern zu sitzen ist freilich keine besonders verlockende Option. Seit geraumer Zeit suchen die Wissenschaftler nach Mitteln und Wegen, wie sich die ewige Jugend auch auf andere, weniger freudlose Weise erreichen lässt. Ein aussichtsreicher Ansatz scheint das intermittierende Fasten zu sein. Was nach Jo-Jo-Effekt klingt, hat nichts mit dem kontraproduktiven Heißhunger nach zermürbenden Schlankheitskuren gemein. Die Rede ist vielmehr von zeitweiligen Essenspausen inmitten einer normalen, vollwertigen Ernährung. Der Nahrungsverzicht kann dabei unterschiedlich lang währen: mehrere Tage im Monat, einen bis zwei Tage in der Woche, jeden zweiten Tag oder 14 bis 18 Stunden am Tag.

          Viele Spielarten des Fastens

          Welche Variante der menschlichen Gesundheit am meisten zugutekommt, lässt sich aufgrund des Mangels an Daten noch nicht sicher beurteilen. Klar ist nur: Bei Tieren schützen alle Spielarten mehr oder weniger intensiv vor chronischen Krankheiten und altersbedingten Gebrechen, darunter hohem Blutdruck, Diabetes, Krebs und Demenz. „Am sozialverträglichsten sind in der Regel die täglichen Essenspausen“, weiß Andreas Michalsen, Internist und Spezialist für Naturheilkunde an der Charité in Berlin, aus eigener Erfahrung. „Diese Form von intermittierendem Fasten lässt sich gut in den Alltag integrieren.“

          Dass selbst ein vergleichsweise kurzzeitiger Nahrungsverzicht günstige Einflüsse auf den Stoffwechsel ausübt, legen unter anderem die Resultate einer Studie von Forschern der Universität in Padua (doi: 10.1186/s12967-016-1044-0) nahe, die im „Journal of Translational Medicine“ erschienen ist. Die daran beteiligten Probanden, insgesamt 34 sportliche junge Männer, hatten acht Wochen lang zur Hälfte zu den gemeinhin üblichen Uhrzeiten gegessen - und zwar um 8 Uhr, 13 Uhr und 20 Uhr - und zur anderen Hälfte eine sechzehnstündige Essenspause eingehalten. Wie Antonio Paoli und seine Kollegen schreiben, kam es bei den Probanden der zweiten Gruppe zu einer Reihe von gesundheitlich vorteilhaften Veränderungen. So verloren die Probanden dieses Kollektivs rund 1,6 Kilogramm Fett, aber keine Muskelmasse. In ihrem Blut sank zudem der Gehalt an Zucker, Insulin, IGF-1 und jener bestimmten Entzündungsfaktoren, während der Blutspiegel von Adiponektin anstieg. Dabei handelt es sich um ein Gewebshormon, das Tiere vor altersbedingten Gebrechen schützt - unter anderem, indem es die Empfindlichkeit der Zellen auf Insulin erhöht und die Schlagadern vor arteriosklerotischen Schäden bewahrt. Bei den Männern der Vergleichsgruppe - also jenen, die ihre Mahlzeiten zu den gängigen Tageszeiten eingenommen hatten - änderten sich im Verlauf der acht Wochen demgegenüber weder das Gewicht noch die erwähnten Blutwerte. „Das legt den Schluss nahe, dass die Italiener es richtig machen“, sagt Michalsen. „Denn diese lassen häufig das Frühstück ausfallen und essen dann erst wieder am Mittag.“

          Schöner „Big Brother”-Schauplatz: „Biosphäre 2”

          Lange Essenspausen könnten außerdem ein geeignetes Mittel sein, um bösartige Tumoren buchstäblich auszuhungern. Was bei Tieren als erwiesen gilt, legen nun auch die Ergebnisse einer Analyse nahe, der die Daten von rund 3000 Frauen mit Brustkrebs im Frühstadium zugrunde liegen („JAMA Oncology“, doi: 10.1001/jamaoncol.2016.0164). Wie die Onkologin Ruth Patterson von der University of California in La Jolla und die anderen Studienautoren schreiben, erlitten knapp 400 der Probandinnen innerhalb von rund sieben Jahren einen Rückfall. Frauen, die nach der letzten Tagesmahlzeit mindestens 13 Stunden lang nichts Kalorienhaltiges zu sich genommen hatten, waren hiervon aber merklich seltener betroffen als solche mit kürzeren nächtlichen Essenspausen.

          Auf welche Weise lange Essenspausen das Tumorwachstum bremsen könnten, ist im Endeffekt zwar noch unklar. Untersuchungen bei Tieren und isolierten menschlichen Zellen lassen aber den Schluss zu, dass entartetes Gewebe einen Glukosemangel viel weniger gut verkraftet als gesundes. Denn während normale Zellen in dem Fall auf alternative Energieträger, sogenannte Ketonkörper, zurückgreifen, um den Stoffwechsel aufrechtzuerhalten, verfügen Krebszellen über keinen solchen Hybridmotor. Bleibt die Nahrungszufuhr aus, gehen sie daher eher zugrunde.

          Hungerfasten für die Krebstherapie?

          Mehrere Forschergruppen prüfen derzeit, ob sich diese Schwäche therapeutisch nutzen lässt. Es gibt nämlich verschiedene Hinweise, dass eine Chemotherapie besser anschlagen könnte, wenn die Patienten während der Behandlung keine oder nur extrem wenig Nahrung zu sich nehmen. In die gleiche Richtung weisen auch die Ergebnisse einer Studie von Michalsen und dessen Kollegen. Die daran beteiligten Personen, insgesamt 34 Frauen mit Brust- oder Eierstockkrebs, hatten 36 Stunden vor bis 24 Stunden nach der Chemotherapie gefastet, und zwar zur Hälfte während der ersten drei und zur anderen Hälfte während der letzten drei Behandlungszyklen.

          Wie die noch nicht publizierten Resultate der Berliner Forscher nahelegen, empfanden die Frauen den sechzigstündigen Nahrungsverzicht mehrheitlich als einen Gewinn. Denn die Chemotherapie setzte ihnen in dem Fall deutlich weniger zu. Weshalb Fastenzeiten dazu beitragen könnten, die Verträglichkeit von Zytostatika zu verbessern, erklärt Michalsen folgendermaßen: „Gesunde Zellen stellen bei Glukosemangel das Wachstum ein. Außerdem aktivieren sie Programme, die ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber schädlichen Einflüssen erhöht. In diesem Zustand kann ihnen die Chemotherapie sehr viel weniger anhaben.“ In einer weiteren Studie wollen die Berliner Forscher die Fastentherapie nun bei einer größeren Gruppe von Krebspatientinnen testen. Dabei interessieren sie sich unter anderem für die Frage, ob der Nahrungsverzicht insgesamt die Schlagkraft der Chemotherapie erhöht und das Risiko für ein Wiederaufflammen des Krebsleidens somit verringert.

          Periodisches Fasten ist freilich keine Erfindung der modernen Medizin. Sie haben vielmehr in etlichen Kulturen Tradition, sei es aus spirituellen oder aus therapeutischen Gründen. So ist Heilfasten hierzulande eine etablierte Maßnahme, um gegen hohen Blutdruck, Entgleisungen des Zuckerstoffwechsels, chronische Schmerzen, Gelenkrheuma, Übergewicht und etliche andere Leiden anzugehen. Ohne eine Änderung des Lebensstils haben die damit erzielten Ergebnisse freilich keinen Bestand. Für langfristig erfolgreicher halten viele Wissenschaftler daher das intermittierende Fasten, zumal eine Umstellung der Lebensweise gleichsam Teil des Programms ist. Auch hier stehen die vielen Heilsversprechen allerdings noch auf einem dünnen wissenschaftlichen Fundament.

          Signalwege sind entscheidend

          Um mehr Klarheit bemüht, verfolgen Forscher um Frank Madeo vom Institut für molekulare Biowissenschaften der Universität Graz das gesundheitliche Schicksal von rund 100 Personen, die seit sechs Monaten abwechselnd immer einen Tag lang fasten und den nächsten Tag wieder ohne kalorische Beschränkung essen. „Die Endresultate der Studie liegen zwar noch nicht vor“, räumt Madeo auf Anfrage ein. „Schon jetzt ist aber ersichtlich, dass sich enorm viel tut.“ Ihr Augenmerk richten die Wissenschaftler dabei auf die beim Fasten aktivierten molekularen Signalwege - in der Hoffnung, die entsprechenden Schalter auch ohne Nahrungsverzicht umlegen zu können. Ein aussichtsreicher Kandidat ist ihnen mittlerweile auch schon ins Netz gegangen, und zwar ein Molekül namens Spermidin. Ursprünglich in Samenflüssigkeit entdeckt, hat dieses Polyamin unter anderem die Aufgabe, die körpereigene Müllbeseitigung, die Autophagie, anzukurbeln. „Die lebensverlängernde Wirkung von Fasten geht maßgeblich auf den Prozess der Autophagie zurück“, erklärt Madeo. „Erhält der Organismus keine Nahrung, beginnt er, körpereigenen Schrott zu vertilgen. Das können schadhafte Mitochondrien sein oder auch falsch gefaltete Proteine wie das Beta-Amyloid im Gehirn von Alzheimerpatienten.“ Mit dem Alter nehme der Spermidin-Gehalt der Zellen immer weiter ab und die Müllberge zugleich zu. Es gibt allerdings auch Ausnahmen. „Wie unsere Messungen zeigen, sind Hundertjährige randvoll mit Spermidin“, sagt der Grazer Molekularbiologe.

          Hungerfasten ist „Reinemachen“ und Motor der körpereigenen Müllentsorgung.

          Dass Spermidin über eine Beschleunigung der Müllentsorgung das Leben verlängert, konnten Madeo und seine Kollegen sowohl bei Fliegen, Würmern und Mäusen als auch bei menschlichen Immunzellen nachweisen. Besonders günstig wirkt sich die Steigerung der Abfallbeseitigung offenbar auf den Herzmuskel und die Gefäße aus. Hierfür sprechen zumindest die kürzlich in „Nature Medicine“ (doi: 10.1038/nm. 4222) publizierten Untersuchungsergebnisse der österreichischen Wissenschaftler. Wie daraus hervorgeht, schützt eine erhöhte Zufuhr von Spermidin hochdruckkranke Nager vor Herzversagen - einer schwerwiegenden Folge von hohem Blutdruck. Aber auch dem Menschen könnte eine an Spermidin reiche Kost zugutekommen. Laut den Beobachtungen der Grazer Forscher geht eine solche Ernährung nämlich mit einem verminderten Risiko für Herzinfarkte und hohem Blutdruck einher. In welchen Lebensmitteln ist dieses Polyamin aber enthalten? „Größere Mengen davon befinden sich beispielsweise in Pilzen, Weizenkeimen, Soja, Salat, aber auch gereiftem Käse“, antwortet Madeo und fügt hinzu. „Wie viel der Körper davon aufnimmt, ist aber sehr unterschiedlich. Das hängt etwa von der Eigenproduktion im Körper ab und der Zusammensetzung des Darmmikrobioms.“

          Außer Spermidin wurden noch weitere molekulare Altersbremsen entdeckt, die den Organismus bei Nahrungsmangel dazu bringen, den eigenen Unrat zu verdauen. Zu den bekanntesten zählt Sirtuin-1 - ein Enzym, das Zellen unter anderem auch deshalb länger jung hält, weil es deren Stressresistenz erhöht und Entzündungen unterdrückt. Substanzen, die Sirtuin-1 vermehrt auf Trab bringen, können Tiere vor Krebs und anderen altersbedingten Leiden schützen. Über derartige Wirkungen verfügt unter anderem der Pflanzenstoff Resveratrol. In manchen Beeren, Erdnüssen und Trauben enthalten, wird dieses Polyphenol seit geraumer Zeit als Anti-Aging-Mittel vermarktet. Ob die Resveratrol-Pillen halten, was die Verkäufer vollmundig versprechen, scheint indes mehr als fraglich. „Die Wahrscheinlichkeit, dass es gelingt, die günstigen Wirkungen von Fasten mit einzelnen Stoffen nachzuahmen, ist insgesamt ausgesprochen gering“, sagt Michalsen.

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