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Epidemie in Afrika : Kann Geld Ebola heilen?

  • -Aktualisiert am

Helfer mit Ebola-Patient in einem Krankenhaus in Sierra Leone Bild: Reuters

Der neue Ebola-Impfstoff weckt große Hoffnungen. Doch Seuchenexperten arbeiten auch an anderen Projekten. Ob eine Versicherung, wie es die Weltbank vorschlägt, künftig gegen Pandemien schützen wird, ist umstritten. "Geld heilt Ebola nicht", heißt es bei "Ärzte ohne Grenzen".

          Die Nachricht, dass einer der neuen Ebola-Impfstoffe nach Tests an Freiwilligen offenbar als „sicher“ eingestuft werden kann, hat Neuigkeiten über andere Strategien gegen die Virusepidemie verdrängt. Ohne Zweifel: Der Impfstoff der britischen Pharmafirma GlaxoSmithKline, der an der Universität Oxford an 60 gesunden Freiwilligen getestet wurde, birgt große Chancen. Die beteiligten Forscher schreiben im „New England Journal of Medicine“, dass die Vakzine offenbar unbedenklich ist - ein erster Schritt auf dem Weg zu einem breiteren Einsatz.

          Doch es gibt auch kritische Stimmen. „Durch die häufige Formulierung, die Ergebnisse aus dem Labor seien ’ermutigend’, wird suggeriert, dass die Problematik bald gelöst sein wird“, sagt Tankred Stöbe, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland. „Wir von Ärzte ohne Grenzen glauben aber nicht, dass die aktuelle Ebola-Epidemie allein durch solche Mechanismen - Impfstoffe und neu entwickelte Medikamente - besiegt werden wird.“

          Aus Sicht der Hilfsorganisation seien „die lückenlose Nachverfolgung von Kontaktpersonen der Patienten und eine konsequente Aufklärung und Behandlung“ genauso wichtig. „Vor allem geht es auch darum, eine Verhaltensänderung der Menschen zu erreichen, die etwa auf Bestattungsrituale verzichten müssen oder in Familien die Dinge des täglichen Lebens nicht mit Erkrankten teilen dürfen.“

          Infizierte stehen auf keiner Liste

          Der Mediziner Stöbe ist vor wenigen Tagen von einem Hilfseinsatz in einem Ebola-Behandlungszentrum in Freetown in Sierra Leone zurückgekehrt. Die Situation sei dort noch immer dramatisch, auch wenn unlängst rückgängige Fallzahlen aus Sierra Leone gemeldet wurde. Vor allem Schwangere und kleine Kinder seien von der Krankheit schwer betroffen, sagt Stöbe. Er wurde in der Hauptstadt Freetown, die fast eine Million Einwohner hat, zudem mit einem gravierenden epidemiologischen Problem konfrontiert: „Es gibt dort immer noch Infizierte, die zu uns kommen und auf  keiner Kontaktliste stehen.“

          Jeder Patient muss Kontaktpersonen angeben, die dann von den Helfern der Organisation aufgesucht und auf Symptome kontrolliert werden. Kommen Menschen, die offenbar zu niemandem Kontakt hatten, der bereits eingeliefert ist, sei das „ein absolut alarmierendes Zeichen und vom epidemiologischen Standpunkt eine Katastrophe, gerade in Großstädten wie Freetown“, sagt Stöbe. Wie die WHO in der vergangenen Woche mitteilte, handelt es sich in Guinea und Liberia lediglich bei der Hälfte der neuen Ebola-Fälle um bereits registrierte Kontaktpersonen von Erkrankten. Aus Sierra Leone liegen dazu keine offiziellen Daten vor.

          Die weltweite Forschung an Impfstoffen und Medikamenten sieht Tankred Stöbe trotz dieser akuten organisatorischen Problematik ebenfalls als wichtiges Standbein an. „Nie zuvor hat es so eine Aufmerksamkeit für Ebola gegeben“, sagt der Mediziner. „Das muss auch genutzt werden.“

          Neues Absicherungssystem

          Weltweit werden derzeit auch weitere Strategien diskutiert. Jim Yong Kim, der Präsident der Weltbank, warnte während der Global Futures Lecture am Dienstag an der Georgetown University in Washington vor weiteren Ebola-Ausbrüchen und den Pandemien der Zukunft. Er regte ein neues Absicherungssystem an: Künftig sollten sich auch Versicherungskonzerne daran beteiligen, die Folgen von schweren Krankheitsausbrüchen abzumildern.

          Derzeit arbeite die Weltbank bereits gemeinsam mit der WHO und Versicherungskonzernen an einem Konzept. Ein Entwurf werde in wenigen Monaten den Regierungen verschiedener Länder vorgelegt. Kim hofft darauf, dass solche neuen Systeme sich auch positiv auf die Behörden in  Entwicklungsländern auswirken, die Infektionsrisiken bewerten und kontrollieren. Ihre Arbeit könnte sich - durch neue Versicherungssysteme gestützt - professionalisieren.

          Skepsis unter Medizinern

          Allerdings gibt es auf der Seite der medizinischen Helfer auch Skepsis. „Aus unserer Sicht war das ’Nadelöhr’ bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie fast nie die monetäre Seite“, sagt Stöbe von Ärzte ohne Grenzen. „Das Problem lag vielmehr in der operationellen Dimension, bei Fragen wie: Finden wir genügend Mitarbeiter? Wie gelingt die Logistik? Der Vorschlag eines Versicherungssystems suggeriert ja, dass man die Epidemie hätte stoppen können, wenn mehr Geld dagewesen wäre. Geld allein heilt aber Ebola nicht.“

          Stattdessen sei es oft um eine schnelle, unbürokratische Reaktionsfähigkeit gegangen, die viele Akteure in der aktuellen Ebola-Krise nicht hätten leisten können - etwa, weil Versicherungsfragen nicht geklärt waren, weil man erst hinterfragen musste, wie die Helfer zurück ins Heimatland kommen werden und wie es nach einem Vierteljahr mit einer Hilfsstation weitergehen wird. 

          Wie man in Zukunft versuchen könnte, solche Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen, ist nicht nur ein Anliegen der Ärzte ohne Grenzen. Auch nach Ansicht der Weltbank ist die internationale Gemeinschaft für drohende neue Krisen vom Ausmaß der Ebola-Epidemie nicht ausreichend gerüstet. „Wir müssen Lehren aus dem Ausbruch von Ebola ziehen, denn es besteht kein Zweifel daran, dass wir in den kommenden Jahren mit anderen Pandemien konfrontiert werden“, sagte Jim Yong Kim in Washington. Diese könnten noch „tödlicher und infektiöser“ sein - allerdings sei die Welt derzeit darauf „schlecht vorbereitet“.

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