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Epidemie : Angst vor dem Virus, Angst vor der Spritze

  • -Aktualisiert am

Angola: Angst vor Männer in Schutzkleidung, Angst vor Spritzen Bild: dpa/dpaweb

Die Marburg-Epidemie in Angola könnte längst eingedämmt sein. Doch den Helfern in Schutzanzügen vertrauen nur wenige. Im Gegenteil.

          3 Min.

          Soweit man sich in Uige erinnern kann, war der erste Patient ein kleines Kind. Im vergangenen Oktober wurde es auf der Kinderstation des dortigen Krankenhauses behandelt und bekam Medikamente. Vermutlich bekam es Einmalspritzen, die aber mehrmals benutzt wurden. Spritzen sind kostbar in Afrika. Anstatt sie wegzuwerfen und gar nicht behandeln zu können, riskiert man eher eine Katastrophe.

          So ist das Krankenhaus von Uige im Norden von Angola zum Brandherd einer Epidemie geworden. 235 Menschen haben sich mittlerweile mit dem gefährlichen Marburg-Virus infiziert, nur jeder zehnte überlebt. Die Bevölkerung wird zunehmend panisch. Einheimische greifen die internationalen Helfer von WHO, Ärzte ohne Grenzen und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz sogar tätlich an. Infizierte verweigern sich der medizinischen Hilfe. Das Krankenhaus in Uige steht leer, auf der neuen Isolierstation mit modernem Gerät für die Intensivversorgung befand sich am Donnerstag kein einziger Patient. Die Menschen in Angola haben Angst.

          Weit verbreitete Angst vor Spritzen

          Zwar bleibt noch endgültig zu beweisen, ob wirklich jenes Kind das tödliche Fieber in die Klinik brachte, ob tatsächlich Spritzen schuld sind an der hohen Zahl von Infizierten. Doch das könnte erklären, warum sich das grausame Fieber in Uige viel schneller ausgebreitet hat, als es dies derzeit in der knapp 250 Kilometer entfernten Hauptstadt Luanda tut. Und warum die Mehrheit der Opfer kaum älter ist als sechs Jahre. Und warum die Angolaner sich keine Spritzen geben lassen wollen.

          Vieles ist ungewöhnlich an dieser Epidemie im Westen Afrikas. "Niemand hätte geglaubt, daß das Virus überhaupt in Angola auftauchen würde", sagt der Marburger Infektionsmediziner Werner Slenczka. Slenczka hat das Virus vor 37 Jahren entdeckt, kaum einer kennt den Erreger so gut wie er. Aber auch er hätte das für Zentral- und Ostafrika typische Marburg-Virus nicht an der Westküste erwartet. Dieser Teil des Kontinents ist Ebola-Revier.

          Schwer von Malaria zu unterscheiden

          Auch wenn niemand mit der Katastrophe rechnen konnte: Die Hilfe kommt trotzdem spät. Im November bemerkten die Ärzte von Uige die steigende Zahl sterbender Kinder und baten die amerikanischen Centers for Disease Control um Hilfe. Aber nur drei Proben von mehreren Dutzend Patienten wurden nach Atlanta geschickt und auf verschiedene Viren, auch Marburg, getestet - alle negativ. Für die Amerikaner war die Sache damit erledigt. Nicht aber für Angola: Immer mehr Kinder, erwachsene Patienten und Mitarbeiter des Krankenhauses starben. Die Ursache des Fiebers blieb weiter im dunkeln. "Für afrikanische Ärzte, die ja meist noch nie einen Fall von Ebola oder Marburg gesehen haben, ist es schwer, die Symptome des Fiebers von einer Malaria oder Meningokokkensepsis zu unterscheiden", sagt Slenczka. Nicht bei allen Patienten treten auch die berüchtigten Blutungen aus Augen oder Hautporen auf. "Ohne virologische Diagnostik ist die wahre Ursache schwer zu erkennen."

          Die Menschen begannen, aus der Provinz Uige zu fliehen. Erst im März bat Angola die Weltgesundheitsorganisation, die das Geschehen schon seit Oktober mit Sorge, aber aus der Ferne beobachtet hatte, um Hilfe. Mitarbeiter der WHO wählten zwölf neue Proben aus, von denen Atlanta jetzt neun positiv auf das Marburg-Virus testete. Erst jetzt kamen die internationalen Hilfsorganisationen.

          Geringere Infektionsrate als bei Masern

          Das Ende der Epidemie schien nahe. Denn obwohl es weder Impfstoff noch Therapie gibt, läßt sich die Verbreitung der Viren theoretisch rasch eindämmen. "Die Infektionsrate von Marburg oder Ebola ist viel geringer als beispielsweise bei Masern", sagt Slenczka, "deshalb breitet sich das Fieber auch eher langsam aus." Für eine Ansteckung sei enger Kontakt mit Blut oder Schweiß der Infizierten notwendig - durch gebrauchte Spritzen, ungemachte Klinikbetten, rituelle Berührung der Toten. Nach westlichen Hygienemaßstäben sind das eigentlich keine Hürden.

          Doch fast vier Wochen nach dem Eingreifen der WHO-Experten ist der Ausbruch noch immer nicht unter Kontrolle. Der Auftritt von Männern in Plastikanzügen, die gefürchtete Spritzen bei sich haben und traditionelle Bestattungen zu verhindern suchen, erschreckt die Menschen. Auch die neue Isolierstation im Krankenhaus von Uige, wo alles begann, weckt kaum Vertrauen. Statt dessen verlassen viele Gesunde mitsamt ihren Kranken die Provinz.

          Daß vier Mitarbeiter des Roten Kreuzes am Donnerstag vom Blitz erschlagen wurden, werden mißtrauische Einheimische wohl kaum als Zufall werten. "Man muß diese Menschen und ihre Kultur schon so weit wie möglich respektieren", sagt Slenczka. Die WHO hat das offenbar auch bemerkt. Neben den Fachleuten für gesundheitliche Aufklärung, die den Einheimischen einen Crashkurs in Hygiene und Virologie geben wollten, sind jetzt Medizinanthropologen nach Angola gereist. Sie sollen die Seuchenbekämpfung an die Traditionen der Menschen anpassen. Und das Vertrauen zurückgewinnen.

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