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Ebola-Epidemie : Chaos, Fehler und Hysterie

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Eine Frau geht an einem Plakat in Sierra Leone vorbei, dass auf die Gefahr durch die Ebola-Epidemie aufmerksam macht. Bild: dpa

Es ist eine scharfe Abrechnung mit dem Verhalten der Weltgemeinschaft: Zwanzig Wissenschaftler analysieren die schweren Versäumnisse in der Ebola-Krise. Vor allem die Weltgesundheitsorganisation muss Kritik einstecken.

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          „Wir haben nicht die Möglichkeit, auf diese Krise allein zu reagieren“, appellierte ein Mitarbeiter von „Ärzte ohne Grenzen“ im September 2014 in Monrovia an die Weltgemeinschaft. Sein Zitat aus einem Video, das sich an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen richtete, steht jetzt am Anfang einer neuen Studie im Fachmagazin „The Lancet“ (doi:10.1016/S0140-6736(15)00946-0). In der Publikation, die 22 internationale Experten um Peter Piot von der London School of Hygiene&Tropical Medicine vorlegen, werden die bisherigen Strategien der Weltgemeinschaft, mit der Ebola-Epidemie in Westafrika umzugehen, Absatz für Absatz zerpflückt. Um Piot gründete sich im März 2015 eine Gruppe mit dem Namen „Independent Panel on the Global Response of Ebola“; neben dem belgischen Arzt Piot, der in den siebziger Jahren Mitentdecker des Ebola-Virus gewesen ist, schlossen sich dem Gremium Fachleute aus Universitäten, medizinischen Hilfsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ und aus Think Tanks an. Maßgeblich beteiligt war zudem das Harvard Global Health Institute.

          Auf zehn konkrete Empfehlungen für die Zukunft einigten sich die Autoren; dabei geht es vor allem darum, Zentren und Kommissionen zu gründen, etwa unter dem Dach von WHO und UN, die auf das Krisenmanagement bei Pandemien spezialisiert sind. Daneben müssen Überwachungssysteme installiert werden, mit denen sichergestellt werden kann, dass betroffene Länder einen Ausbruch einer gefährlichen Infektionskrankheit frühzeitig melden. Auf Länder, die solche Meldungen nur verzögert abgeben, soll Druck ausgeübt werden. Auch sollen die internationalen Akteure gemeinsam in die Erforschung von Infektionskrankheiten mit Pandemiepotential investieren, in Impfstoff- und Arzneimittelentwicklung etwa. Und die Weltgesundheitsorganisation müsse jetzt erst einmal das verloren gegangene Vertrauen in sie wieder aufbauen, auch, indem sie zukünftig bestimmte Kernaufgaben definiert und andere Aktivitäten zurückfährt, heißt es in der Studie.

          Vier Phasen des Versagens

          Die Publikation ist über ihren Appellcharakter hinaus auch eine kühle Analyse der Systemschwächen, die den Ebola-Ausbruch derartig außer Kontrolle geraten ließen. Die Autoren schildern vier Phasen des Ebola-Ausbruchs in Westafrika. Zu Beginn des Ausbruchs, zwischen Dezember 2013 und März 2014, zeigte sich, dass die Krankheit in Guinea mangels medizinischer Einrichtungen in den meisten Fällen nicht diagnostiziert wurde und sich ungehindert über die Grenzen ausbreiten konnte. Von März 2014 an begann eine zweite Phase, in der die ersten Hilfsorganisationen reagierten. Lokale Behörden hätten die Bedeutung des Ausbruchs aber weiter ungehindert herunterspielen können, selbst die WHO charakterisierte den Ausbruch im März 2014 als „noch relativ klein“. Im Juli 2014 trat man in die dritte Phase ein, in der es zu internationaler Hysterie kam, auch, weil zurückgekehrte Helfer in Ländern außerhalb Afrikas Pflegekräfte ansteckten. Reise- und Handelsrestriktionen bluteten die Regionen wirtschaftlich noch weiter aus. Informationen, die man aus früheren Ebola-Ausbrüchen in Uganda und Kongo hätte ziehen können, wurden nicht verbreitet, das medizinische Personal musste Strategien, die es längst gab, noch einmal neu entwickeln – etwa solche, die es erlaubten, Kontakte der Infizierten rasch nachzuverfolgen.

          Gegen Ende des Jahres 2014, in einer vierten Phase, begannen die Fälle zwar abzunehmen. Einmal mehr wurde aber deutlich, wie intransparent die Hilfen geleistet worden waren: Bis Ende Januar 2015 sollen zwar fünf Milliarden Dollar geflossen sein, um die Epidemie einzudämmen, welcher Teil davon aber tatsächlich der Ebola-Bekämpfung in den westafrikanischen Ländern zugute kam, ist bis heute nicht klar. Die Autoren sprechen von einer „lange verzögerten und problematischen internationalen Reaktion“. Mehr als 28000 Menschen haben sich bis zum jetzigen Zeitpunkt infiziert, mehr als 11000 sind an Ebola gestorben. Die Experten um Piot fordern die Reformen nicht nur, um ein solches Geschehen durch das Ebolavirus in Zukunft auszuschließen, sondern auch im Hinblick auf andere Epidemien wie die Verbreitung des Sars-Erregers 2003 oder die Schweinegrippe-Epidemie 2009, Geschehnisse, die sich jederzeit wiederholen können. Wie lange die Risiken eines Ausbruchs nachwirken, zeigte sich durch Zufall zeitgleich mit der Veröffentlichung: Einen Tag nach Erscheinen der Studie wurde bekannt, dass in Liberia, das als Ebola-frei galt, wieder drei Fälle aufgetreten sind.

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