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Warnung von Hausärzten : Warum Online-Ratgeber mehr verwirren, als dass sie helfen

  • -Aktualisiert am

Wir wissen nicht, was dieser freundliche Herr aus dem Internet ihnen rät ... Bild: F.A.S.

Um keine Diagnose verlegen: Viele Hausärzte warnen vor zu viel Vertrauen in medizinische Online-Ratgeber. Sie würden falsche Erwartungen wecken.

          „Dr. Google“ ist vermutlich der am meisten konsultierte Arzt der Welt. Zwickt es in den Lenden oder hält der Kopfschmerz ungewöhnlich lange an: In solchen Fällen wenden sich beunruhigte Zeitgenossen meist umgehend an den digitalen Diagnostiker im weltweiten Netz. Ähnliches gilt, wenn das verschriebene Medikament nicht die erhoffte Wirkung zeigt oder die ärztliche Diagnose der eigenen Hypothese widerspricht. Anders als mancher Arzt aus Fleisch und Blut ist der Online-Doktor nie um Antworten verlegen. Im Gegenteil: Innerhalb kürzester Zeit präsentiert er einen bunten Strauß von Informationen, in dem üblicherweise auch die unwahrscheinlichsten Möglichkeiten durchbuchstabiert sind.

          .Geht es etwa um die Ursache der eingetippten Beschwerden, reicht das Spektrum in aller Regel vom harmlosen Zipperlein bis hin zum tödlichen Schicksalsschlag. Während resistente Naturen so viel Offenheit aushalten oder gar begrüßen, sind zarter besaitete Gemüter davon leicht überwältigt. Bei einigen mündet die Furcht vor dem Schlimmsten in eine sogenannte Cyberchondrie, dem digitalen Pendant der Hypochondrie.

          Wie häufig Ärzte mit dem medizinischen Online-Wissen ihrer – mehr oder weniger cyberchondrischen – Patienten konfrontiert werden und wie sie damit umgehen, haben nun zwei Wissenschaftler des Zentrums für Allgemeinmedizin und Geriatrie der Universitätsmedizin Mainz eine Gruppe von 844 in Hessen tätige Hausärzte gefragt.

          Verwirrung, Verunsicherung und falsche Erwartungen

          Die Teilnehmer der Umfrage waren im Mittel 55 Jahre alt, knapp zur Hälfte weiblichen Geschlechts und arbeiteten zu etwa gleichen Teilen in städtischen Gebieten und auf dem Land. Wie Julian Wangler und Michael Jansky in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ schreiben, hatten fast alle Hausärzte regelmäßig Kontakt zu Patienten, die im Internet nach krankheitsspezifischen Informationen suchten.

          Lediglich eine Minderheit der Mediziner konnte den Online-Aktivitäten der Patienten etwas Positives abgewinnen: Die im Netz gewonnenen Erkenntnisse würden etwa dazu beitragen, dass Patienten beim Auftreten von Beschwerden eher zum Arzt gingen und dessen Erläuterungen besser verstünden. Die überwiegende Mehrheit der Hausärzte sah die Online-Recherchen ihrer Patienten dagegen äußerst kritisch: Die vielen widersprüchlichen und oft irreführenden Online-Informationen würden die Patienten verwirren und verunsichern.

          Auch hätten sie zur Folge, dass die Betroffenen mit falschen Vorstellungen in die Sprechstunde kommen würden und entsprechend enttäuscht seien, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt würden. Das unterminiere aber das Vertrauen in den Arzt und gefährde daher die Erfolgsaussichten der Behandlung. Damit bestehe das Risiko, dass die Betroffenen ihre Therapie vernachlässigten oder sich auf eigene Faust Medikamente besorgten, von denen sie sich einen größeren Nutzen versprechen. Rund ein Fünftel der Hausärzte habe es schon erlebt, dass solche Patienten ihre Praxis verließen und nicht mehr wiederkehrten.

          Gefährdete Deutungshoheit seriöser Ärzte

          Wie die Mainzer Wissenschaftler ferner berichten, war das Thema „Cyberchondrie“ den meisten Hausärzten bestens bekannt. So betreuten drei Viertel von ihnen gelegentlich oder häufiger Personen, die nach intensiven Recherchen im Internet überzeugt davon waren, an einer schweren Krankheit zu leiden – und das, obwohl aus ärztlicher Sicht keinerlei Anlass zu einer solchen Befürchtung bestand. Eine Herausforderung stelle es dabei dar, die aufgebrachten oder auch verängstigten Patienten zu beruhigen. Um dieses Ziel zu erreichen, seien meist zusätzliche diagnostische Tests und langwierige Gespräche erforderlich. Wie sie zugleich kritisierten, fehle es ihnen meist an der nötigen Zeit, um die Betroffenen hinreichend zu beraten. Zwei Drittel bemängelten die unzureichende Vergütung für solche Zusatzleistungen.

          Es gab zugleich verschiedene Lösungsansätze, die viele Hausärzte für vernünftig hielten oder bereits praktizierten. Ein solcher Weg bestand darin, die Patienten auf seriöse Internetseiten hinzuweisen und verstörende Online-Inhalte mit ihnen zu besprechen. Keinen großen Widerhall fand dagegen der Vorschlag, den Patienten von Recherchen im Internet abzuraten. Die große Mehrheit der Hausärzte hielt solche Empfehlungen für wenig zielführend. Eher verhindern ließen sich ausufernde oder ziellose Suchaktionen im Internet demnach, wenn Ärzte ihre Patienten ausführlich über die Krankheit und die notwendigen Behandlungsschritte informierten.

          Die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen aber noch etwas anderes: Patienten, die ihre Wissbegier im weltweiten Netz stillen, rütteln an der Deutungshoheit der Ärzte. Denn sie sind kritischer und hinterfragen die ärztlichen Angaben eher als weniger informierte Patienten. Es erscheint daher unumgänglich, dass sich die Ärzte auf die neuen Gegebenheiten einstellen und hierfür rüsten. Das gilt umso mehr, als medizinisches Wissen immer leichter zugänglich und überprüfbar wird und die zunehmende Informationsflut zugleich eine wachsende Zahl von „Symptom-Googlern“ überfordern dürfte.

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