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Down-Syndrom : Selektion im Mutterleib

  • -Aktualisiert am

In Deutschland leben zirka 50.000 Menschen mit Down-Syndrom Bild: picture-alliance/ dpa

Wissenschaftler rütteln an einem Dogma der Geburtshilfe. Bislang ging man davon aus, daß das Alter einer Schwangeren ausschlaggebend ist für das Risiko, ein Kind mit Down-Syndrom zu gebären. Forscher haben nun weitere Faktoren herausgefunden.

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          Es ist nicht allein eine Frage des Alters einer Schwangeren, wie hoch das Risiko ist, ein Kind mit Down-Syndrom zu gebären. Eine wichtige Rolle spielt vielmehr auch, ob schon Schwangerschaften vorausgegangen sind. Zu dieser Schlußfolgerung sind Markus Neuhäuser von der mathematisch-technischen Abteilung am Rhein-Ahr-Campus Remagen und Sven Krackow vom Institut für Biologie der Charité in Berlin gekommen. Die Forscher rütteln damit an einem Dogma der Geburtshilfe. Denn Art und Umfang von Vorsorgeuntersuchungen bei älteren Schwangeren beruhen nicht zuletzt auf der Beobachtung, daß bei ihnen häufiger mit Fehlbildungen und Chromosomenschäden der Embryonen zu rechnen ist. Man erklärt dies mit der Vorstellung, daß in alten Eizellen zum Beispiel abnorme und unvollständige Teilungen von Chromosomen eher zu erwarten sind als in frischeren, jungen Eizellen.

          Die beiden Forscher werteten unter anderem Einträge in einer dänischen Datenbank aus dem Jahr 1953 aus. Sie wählten bewußt einen Zeitraum, in dem Schwangerschaftsabbrüche aufgrund von nachgewiesenen Schädigungen des Ungeborenen noch nicht so oft vorkamen wie heute. Dadurch wollten die Forscher einer Verfälschung des Ergebnisses vorbeugen. Sie fanden, daß ältere Schwangere besonders dann ein erhöhtes Risiko trugen, ein Kind mit Down-Syndrom (Trisomie 21) zur Welt zu bringen, wenn es sich dabei um deren erstes Kind handelte. Eine oder mehrere vorausgegangene Schwangerschaften senkten dieses Risiko erheblich. Zudem zeigte die Analyse, daß zwischen dem letzten Geschwisterkind und dem an einem Down-Syndrom erkrankten Kind meistens ein besonders großer zeitlicher Abstand lag („Naturwissenschaften“, doi 10.1007/s00114-006-0165-3).

          Organismus verfügt über Raster

          Die Wissenschaftler deuten die Ergebnisse im Sinne der sogenannten Filterhypothese. Diese besagt, daß der mütterliche Organismus über eine Art Raster verfügt, das geschädigte Embryonen erkennt und nicht heranreifen läßt. Es handele sich mithin um eine natürliche Form der Selektion. Wenn bereits Nachkommen vorhanden seien, werde der Filter engmaschiger, damit nicht die Versorgung der lebenden Kinder zusätzlich belastet würde. Hat die Frau indes noch kein Kind geboren, werde die Kontrolle lascher vorgenommen, damit überhaupt eine Chance auf Nachkommen bestehenbleibe. Für einen solchen Zusammenhang spricht auch eine andere Studie. Diese hat gezeigt, daß Fehlbildungen der Harnröhre gehäuft bei Jungen auftraten, die Erstgeborene von älteren Müttern waren.

          Eine indirekte Bestätigung erhält die Filterhypothese auch durch Beobachtungen, die nach künstlicher Befruchtung gemacht wurden. Die mit derartigen Verfahren gezeugten Embryonen weisen häufiger Schäden auf - darunter Fehlverteilungen von Chromosomen - als auf natürlichem Wege gezeugte Kinder. Diese Tatsache wird teilweise auch mit der Umgehung der natürlichen Selektion im Mutterleib erklärt.

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