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Doping im Radsport : Ein Sport geht über Leichen

Doping ist die größte Schattenseite des Radsports - und die tödlichste Bild: dpa

Jetzt quälen sie sich wieder bei der Tour de France, bis an die Leistungsgrenze und darüber hinaus. Dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht, ist ein offenes Geheimnis. Warum sonst sterben junge Sportler reihenweise den Sekundentod?

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          Am Freitag vor zwei Wochen fuhr Radprofi Kim Kirchen noch die siebte Etappe der Tour de Suisse von Savognin nach Wetzikon. Auch für die Tour de France war er nominiert – der Luxemburger konnte sich freuen. Doch die darauffolgende Nacht änderte alles: Herzstillstand, mit 31 Jahren. Kirchen hatte noch Glück, dass sein lebensbedrohlicher Zustand rasch bemerkt wurde. Ein Freund und der Teamarzt reanimierten ihn.

          Andreas Frey

          Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei Gerd Audehm mussten es die Ärzte neunmal versuchen, ehe sein Herz wieder zu schlagen begann. Fast eine Dreiviertelstunde kämpften sie am 8. Juli 2000 um sein Leben. Während des Trainings in seinem Fitnessstudio nahe Aachen war der Sportler plötzlich auf dem Spinning-Gerät kollabiert. Mit 32 entging er nur knapp dem Tod. Doch sein Leben ist seitdem nicht mehr dasselbe. Spielte Doping eine Rolle?

          Von einer Sekunde auf die andere sterben scheinbar Gesunde

          Für andere Profi-Radsportler kam jede Hilfe zu spät. Allein in den vergangenen sieben Jahren starben mehr als zwanzig von ihnen – meist im Schlaf. Junge Männer, die einfach nicht mehr aufwachen? Die mysteriöse Serie von Todesfällen im Radsport lässt Medizinern wie Hans-Willi Breuer keine Ruhe. Der Chefarzt des Malteser Krankenhauses St. Carolus in Görlitz ist der festen Überzeugung, es könne „etwas nicht stimmen, wenn junge, scheinbar gesunde Sportler von einer Sekunde auf die andere versterben“. Prinzipiell sei zu erwarten, dass eine strukturelle Erkrankung des Herzens sich dann manifestiere, wenn das geschädigte Herz Höchstleistungen produzieren muss. Da die Radprofis aber meist in den Ruhephasen danach starben, seien diese Todesfälle nur schwer erklärbar, sagt der Internist und Kardiologe Breuer.

          Der Luxemburger Radprofi Kim Kirchen hatte kurz vor der Tour de France einen Herzstillstand, konnte aber wiederbelebt werden
          Der Luxemburger Radprofi Kim Kirchen hatte kurz vor der Tour de France einen Herzstillstand, konnte aber wiederbelebt werden : Bild: dpa

          Zwar weiß man, dass sogenannte Ionenkanaldefekte des Herzens selbst in Ruhephasen zur tödlichen Gefahr werden können. Sie sind genetisch bedingt, aber viel zu selten, als dass sie eine solche Häufung von plötzlichen Sterbefällen erklären könnten. Auch andere Herzerkrankungen, wie zum Beispiel die hypertrophe Kardiomyopathie, eine Verdickung der linken Herzkammer, reichen zur Erklärung nicht aus, zumal sie bei Voruntersuchungen gut diagnostiziert werden können.

          Der Tod kommt nur selten in Ruhephasen

          Krankhafte Verdickungen des Herzmuskels, so zeigt eine Studie aus den Vereinigten Staaten, waren in 36 Prozent der Fälle am unerwarteten Tod junger Leistungssportler verschiedener Disziplinen beteiligt. Der Kardiologe Barry Maron vom Minneapolis Heart Institute nahm sich insgesamt 1866 Autopsieberichte von Sekundenherztoden vor, die sich zwischen 1980 und 2006 ereignet hatten. Ergebnis: 80 Prozent traten während des Sports oder unmittelbar danach ein, nur die wenigsten in Ruhephasen.

          Als Gerd Audehms Herz stehenbleibt, ist seine Profikarriere bereits beendet. Seine aktive Zeit im Sattel hatte 1981 beim Verein Chemie Annahütte begonnen. In Cottbus besucht Audehm die Kinder- und Jugendsportschule, ein DDR-Sportinternat. Für die Deutsche Demokratische Republik erzielt er die ersten Erfolge. Nach der Wende fährt er zunächst für das Team Nürnberger, später für das Team Telekom und nimmt 1993 und 1994 an der Tour de France teil. Audehm hört 1998 mit dem Profisport auf, baut sich in Belgien ein Häuschen, heiratet, wird Vater einer Tochter. Doch mit einem Schlag ist alles anders.

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