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Doping im Radsport : Ein Sport geht über Leichen

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Dopingexperten wie Breuer können sich der Problematik lediglich mit allgemeinen Kenntnissen der Pathophysiologie und Pharmakologie nähern. Sie können nur sagen, was diese Mittel im Körper generell anrichten. Eine wissenschaftlich exakte Studie, die saubere Probanden mit dopenden vergleichen würde, verbietet sich schon allein aus ethischen Gründen. Dass Anfang der neunziger Jahre viele Radsportler zur Epo-Spritze greifen, ist ein offenes Geheimnis. 1998 fliegt das Team Festina auf. Der Freiburger Sportmediziner Joseph Keul versichert kurz darauf, er bürge dafür, dass das deutsche Team Telekom, das in Freiburg betreut wird, „hundertprozentig dopingfrei ist“. Im Frühjahr 2007 packt jedoch der ehemalige Betreuer des Teams, Jef D'hont, aus und erzählt eine ganz andere Geschichte. Er bringt den größten deutschen Sportskandal der Nachkriegsgeschichte ins Rollen.

Dem „Doping-Zwang“ entkam fast keiner

D‘hont beschuldigt die Freiburger Teamärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich des systematischen Dopings. Seine Aussagen durchbrechen das Kartell des Schweigens im Radsport, innerhalb von wenigen Tagen gestehen Profis reihenweise. Anfangs weisen Schmid und Heinrich noch jeden Verdacht von sich, dann geben sie zu, dass sie Epo und andere Substanzen verabreicht haben. Sie müssen die renommierte Freiburger Universitätsklinik verlassen. Deren Untersuchungskommission deckt anschließend eine systematische Doping-Praxis über elf Jahre hinweg auf. Und Gerd Audehm, der ehemalige Telekom-Fahrer? Die Familie weist jeden Dopingvorwurf zurück. Auch sein ehemaliger Trainer Bernd Drogan glaubt nicht daran, fürchtet eher, dass „Gerdchens Name in den Dreck gezogen werden könnte“, wie er dem Hamburger Abendblatt sagt.

Audehms Erfolge sind ihm geblieben. Doch einige seiner Teamkameraden haben mittlerweile eingeräumt, dass sie gedopt waren. Kann es sein, dass Audehm auch dem in der DDR üblichen Druck entkommen war, den Kritiker durchaus als „Doping-Zwang“ bezeichnen“? Werner Franke ist skeptisch: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Gerd Audehm gedopt hat. Nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in den neunziger Jahren war Anabolika-Doping in der DDR, aber auch in der BRD, an der Tagesordnung. Später ist beim Team Telekom systematisch weitergedopt worden. Die Aussagen des Betreuers Jef D'hont sowie die des Fahrers Jörg Jaksche vor dem Bundeskriminalamt sind ja geradezu erschreckend.“

„Wer dopt, begibt sich in Lebensgefahr“

Franke hat Strafanzeige gegen die Teamärzte bei der Staatsanwaltschaft Freiburg gestellt. Es sei unverantwortlich und gegen die Ethik dieses Berufsstandes, jungen und gesunden Sportlern Doping-Mittel zu verabreichen. „Wenn einer jahrelang Epo genommen hat, kann eine chronisch erhöhte Häufigkeit von kleinen Blutgerinnseln übrig bleiben. Da kann sich dann jederzeit ein Thrombus lösen und irgendwo hinsausen, wo er ein Gefäß verstopft.“ Die Ermittlungen gegen die Ärzte der Freiburger Sportmedizin leitet Oberstaatsanwalt Christoph Frank. Mit Gerd Audehm hat er sich bisher noch nicht befasst. In Freiburg gebe es zu diesem Fall kein Verfahren. „Wer dopt, begibt sich in Lebensgefahr“, wird der Internist und Kardiologe Hans-Willi Breuer nicht müde, sich zu wiederholen.

Vor allem die gleichzeitige Einnahme mehrerer Doping-Mittel, wie jüngst vom österreichischen Radrennfahrer Bernhard Kohl geschildert, ist nach Überzeugung vieler Ärzte ein Spiel mit dem Tod, das bedenkenlos getrieben wird. Oftmals werden auch Substanzen geschluckt, die medizinisch gerade erst erprobt werden und noch längst nicht zugelassen sind. Der Journalist Ralf Meutgens führt eine Liste von Todesfällen. Immer wieder muss er sie ergänzen. Meutgens fordert auch für Deutschland ein Anti-Doping-Gesetz, wie es beispielsweise Italien oder Frankreich verabschiedet haben. Bisher vergebens.

Gerd Audehm ist heute 42 Jahre alt. Wird er sein Gedächtnis wiedererlangen? „Nach unserer Erfahrung ist es nur in rund 15 Prozent der schweren Fälle so, dass sich die Erinnerung wieder einstellt“, sagt Hans Markowitsch, Neuropsychologe der Universität Bielefeld. Die Chancen für den ehemaligen Radprofi, irgendwann wieder ein normales Leben zu führen, sind also denkbar gering.

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