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Doping im Radsport : Ein Sport geht über Leichen

Die Kraft-Ausdauer-Sportart Radfahren gilt als besonders anfällig. Inzwischen vergeht kein Jahr, in dem nicht mehrere Sportler oder ganze Mannschaften des Dopings überführt werden. Geschluckt oder gespritzt wird offenbar alles, was stark und schnell macht. „Doping gehörte und gehört im Radsport dazu wie Essen, Trinken und Schlafen. Es ist systemimmanent“, sagt Ralf Meutgens, Autor des Buchs „Doping im Radsport“ und ein ausgewiesener Kenner der Szene. Die Sportart sei bis auf den heutigen Tag verseucht, es wimmele von Betrügern, Tätern und keineswegs reuigen Sündern.

Anabolika werden konsumiert wie Schokolade

An die Kraft der Selbstreinigung glaubt Meutgens nicht mehr, ein Verzicht auf leistungssteigernde Substanzen sei im Radsport nicht ernsthaft gewollt. Zu den frühen Doping-Opfern bei der Tour de France zählt der Brite Tom Simpson. Am 13. Juli 1967, fast auf dem Gipfel des Mont Ventoux angekommen, stürzt er, steigt wieder auf und fällt schließlich zum letzten Mal. Er stirbt noch am Straßenrand, vollgepumpt mit einem tödlichen Alkohol- und Amphetamin-Cocktail. Bald darauf werden Muskelpillen populär: Anabolika werden eine Zeitlang konsumiert wie Schokolade. Bereits damals warnen Wissenschaftler und Doping-Gegner wie Franke vor dem Konsum der hormonartigen Wirkstoffe. Mittlerweile steht längst fest: Plötzliche Todesfälle von jungen Sportlern können durch anabol-androgene Steroide verursacht werden. „Es kommt zu drastischen Veränderungen im Herzgewebe, die meist Jahre später zum Herztod führen“, erklärt Franke.

Über einen längeren Zeitraum eingenommen, fördern sie zudem Krebserkrankungen. Die Sucht nach mehr Muskelmasse fordert ihren Preis. 1989 kommt erstmals synthetisches Erythropoetin, kurz Epo, auf den Markt. Das Eiweißhormon erhöht die Anzahl der Erythrozyten im Blut und ist ursprünglich als Medikament für Anämie-Patienten entwickelt worden. Aber im Radsport ist ein Plus an roten Blutzellen als Sauerstoffträger besonders willkommen. Epo macht eindeutig schneller. Anfang der neunziger Jahre steigt die Zahl der Toten: „Wir haben eine erstaunlich hohe Zahl von Herztoten im Radsport um 1990 und zwischen den Jahren 2003 und 2006 beobachtet“, sagt Werner Franke. Der erste Zeitraum korreliere mit der Erstphase des massiven Einsatzes von synthetischem Epo, der zweite folgte auf die Einführung von Kontrollen, „als man auf Seiten der Sportler lernte, wie man Epo-Doping mit Eigen- oder Fremdblut kombiniert“.

Der Tod kommt plötzlich und im Schlaf

Epo hat eine ganze Reihe von Effekten: Es vergrößert den Herzmuskel, macht das Blut zähflüssiger und verlangsamt den Puls. „Alle diese Faktoren können dazu führen, dass ein Sportler verstärkt anfällig für den Sekundenherztod wird“, sagt Hans-Willi Breuer. Da das Blut in Ruhephasen langsamer fließt, setzen sich Epo-Doper gerade im Schlaf einem großen Risiko aus. „Insbesondere langsamer Herzschlag, wie üblich bei Leistungssportlern, erhöht die Gefahr - wenn man etwa durch Epo sehr zähflüssiges Blut hat -, dass es zu Thrombosen, Embolien und Infarkten und tödlichen Rhythmusstörungen kommen kann“, schildert Breuer die Folgen. Diese Reaktionskette könnte einen Sekundenherztod im Schlaf also plausibel erklären. Verlässliches Zahlenmaterial dazu gibt es allerdings nicht.

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