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Doping im Radsport : Ein Sport geht über Leichen

Als Gerd Audehm aus dem Koma erwacht, kann er sich an sein Leben zuvor kaum erinnern. Teile seiner Geschichte sind wie gelöscht, vor allem die letzten zehn, zwölf Jahre. Frau und Kind sind ihm fremd, nur die Eltern und Brüder wirken vertraut. Audehm zieht wieder in die Lausitz zu seinen Eltern, er muss alles neu lernen. Ein zusätzlich erlittener Schlaganfall hat sein Gehirn geschädigt, die Gedächtnisleistung bleibt stark eingeschränkt. „Vom ehemaligen Radprofi zum Pflegefall“ – so berichteten Zeitungen und Fernsehsender detailliert über sein tragisches Schicksal. Inzwischen meidet die Familie die Öffentlichkeit.

Als Ursache seines Herzstillstandes wurde vor zehn Jahren zunächst eine verschleppte Myokarditis, eine Herzmuskelentzündung, genannt. Andreas Schmid, damals Teamarzt der Telekom-Fahrer, sagte zum Fall Audehm im Januar 2001 gegenüber der Deutschen Presse Agentur: „Seine Tests bei uns in der Universitätsklinik Freiburg waren während seiner Zugehörigkeit zum Team Telekom alle normal. Als er mir später von Schwierigkeiten berichtete, habe ich ihn an einen Kollegen nach Aachen in der Nähe seines Wohnortes verwiesen. Wahrscheinlich hatte er nach einem Virusinfekt eine Herzmuskelentzündung erlitten, die unterschätzt oder nicht richtig auskuriert wurde.“ Schmid fügte seinerzeit hinzu: „Das könnte jeden treffen.“

Bei Fieber kann es nur eines gebe: strikte Bettruhe

Eine Myokarditis ist nach der Analyse von Barry Maron für sechs Prozent aller „sudden deaths“ verantwortlich. Virale Erkrankungen, zum Beispiel Halsinfekte, können sich tatsächlich auf das Herz auswirken: „Wer mit einer Erkältung Sport treibt, begibt sich in Gefahr“, sagt Hans-Willi Breuer. Auch bei banalen Erkältungen sehe man im Ultraschall gelegentlich eine Vermehrung des Herzbeutelwassers. Wenn diese auch gering sei und „hämodynamisch“ in der Regel irrelevant, so zeige sie doch eine Mitreaktion des Herzens bei einer Infektion. Nase und Herz seien nicht so weit entfernt, weshalb es bei Fieber nur eines gebe: strikte Bettruhe.

Breuer ist überzeugt, dass Herzmuskelentzündungen in der Praxis eine noch größere Rolle spielen, als die amerikanische Studie nahelegt. Sie würden schnell mal übersehen, weil nicht alle Ärzte geschult sind, die feinen Unterschiede in den EKG-Kurven oder im Ultraschallbild zu bemerken. „Nur was man kennt, kann man auch diagnostizieren“, zitiert Breuer dazu ein Positionspapier der Europäischen Herzgesellschaft. Doch selbst, wenn sie von ihren Problemen wissen, lassen sich viele Profisportler lieber fitspritzen, statt sich zu schonen.

Geschluckt und gespritzt wird scheinbar alles

Wenn Sportler die Grenzen ihres Körpers auf Dauer nicht respektieren, erhöhen sie in jedem Fall das Risiko einer Herzerkrankung. Auch Schmerzmittel, Antibiotika oder Medikamente gegen Heuschnupfen können die Gefahr eines Sekundenherztodes vergrößern. Trotzdem nehmen viele Radprofis das in Kauf, weil ihre Karriere sonst beendet wäre und eine Welt zusammenbräche. „Mir persönlich tut es auch weh, wenn ich sage: Es geht nicht mehr. Aber ich stelle keine Freibriefe aus“, sagt Hans-Willi Breuer. Gesundheitliche Probleme sind das Eine. Hinzu kommt Medikamentenmissbrauch. Seit Jahrzehnten prangert Werner Franke, Zell- und Molekularbiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, die gängige Doping-Praxis in vielen Sportarten an.

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