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Doch nicht ungesund? : Salz in der Haut schützt vor Infektionen

  • -Aktualisiert am

Salzstangen - ungesund? Bild: Picture-Alliance

Hoher Salzkonsum wird oft verteufelt. Doch das „weiße Gold“ in der Nahrung kann wohl auch schützen – gegen bakterielle Entzündungen in der Haut. Sein Potential könnte sich bald therapeutisch nutzen lassen.

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          Die Debatte um die Frage, ob ein erhöhter Salzkonsum schadet und falls ja, von welchem Gehalt an, gleicht seit jeher mehr einem Glaubenskrieg als einer mit sachlichen Argumenten geführten Diskussion. Ausgeblendet wird dabei gern, was der eigenen Hypothese zuwiderläuft. Das gilt freilich nicht nur für fachliche Laien, sondern gleichermaßen für echte und vermeintliche Experten aus dem Reich der Wissenschaft. Wäre die Antwort so leicht, wie sie auch in den Medien mitunter dargestellt wird, hätte man das Thema vermutlich längst ad acta legen können. Dass es auch heute noch, lange nachdem das ehemals rare Kristall im Überfluss verfügbar wurde, die Gemüter zu erhitzen vermag, zeigt vor allem eines: Dass wir nach wie vor nicht das gesamte Bild überblicken, sondern lediglich Ausschnitte davon.

          Neuen Schwung verleihen der Salzdebatte nun die Erkenntnisse deutscher und amerikanischer Forscher, unter ihnen Jonathan Jantsch von der Universität Regensburg und Jens Titze von der Vanderbilt University in Nashville. Demnach verbessert eine erhöhte Salzzufuhr die Fähigkeit entzündeter Haut, sich gegen bakterielle Erreger zu wehren. Hinweise auf einen solchen Nutzen des aus den Elementen Natrium und Chlorid bestehenden Würz- und Konservierungsstoffs erhielten die Wissenschaftler jedenfalls bei Nagern. Als wegweisend erwiesen sich allerdings auch Beobachtungen beim Menschen. So war den Wissenschaftlern bereits früher aufgefallen, dass die Haut mit zunehmendem Alter wachsende Mengen des Salzbestandteils Natrium speichert – aus welchem Grund, war damals offen geblieben.

          Heiße Spur

          Auf der Suche nach einer Erklärung für dieses Phänomen stießen Jantsch und seine Kollegen jetzt auf eine heiße Spur. Erste Indizien lieferten dabei Untersuchungen bei Patienten mit Hautinfektionen. Wie die Wissenschaftler im Fachjournal „Cell Metabolism“ (doi.org/10.1016/j.cmet.2015.02.003) berichten, fanden sie in den von Bakterien befallenen Hautschichten der Betroffenen sehr viel mehr Natrium als in deren unversehrter Haut. Nach erfolgreicher Behandlung mit Antibiotika sei der Salzüberschuss in dem entzündeten Gewebe dann wieder verschwunden. Für die Studienautoren lag daher der Gedanke nahe, dass die lokale Anreicherung von Natrium dazu dient, die Keimabwehr zu verbessern.

          Um ihre Hypothese zu überprüfen, verfolgten sie die Wundheilung bei Mäusen, denen sie zwei Monate lang teilweise viel und teilweise wenig Salz ins Futter gemischt hatten. Wie sich ergab, heilten die infizierten Pfoten der salzreich ernährten Nager sehr viel besser ab als jene der anderen Tiere. Als ursächlich für den gesundheitlichen Vorsprung erwies sich höherer Gehalt an Natrium in der Wunde. Über unterschiedliche molekulare Wege stimulierte das Element Natrium nämlich die Schlagkraft des Abwehrsystems. So steigerte es unter anderem die Angriffslust der sogenannten Makrophagen. In Alarmbereitschaft versetzt, produzierten diese Immunzellen daraufhin mehr Stickstoffmonoxid – ein gasförmiges Molekül, das Bakterien und andere Eindringlinge zur Strecke zu bringen vermag.

          Mögliche Therapien

          In zukünftigen Studien wollen Jantsch und seine Kollegen klären, ob sich ihre Erkenntnisse therapeutisch nutzen lassen. Denkbar wäre demnach, dass salzhaltige Wundauflagen oder Medikamente, die zu einer lokalen Anreicherung von Natrium in der Haut führen, den Heilungsprozess begünstigen. Als kontraproduktiv bezeichnet es Titze demgegenüber, jetzt das Hohelied auf eine salzreiche Kost zu singen. Denn die hierdurch in Gang gebrachte Stimulation des Immunsystems habe auch erhebliche Schattenseiten. „Sie begünstigt unter anderem die Ausbildung und das Fortschreiten von Autoimmunkrankheiten wie der Multiplen Sklerose. Das konnten wir unlängst in Kooperation mit anderen Forschern zeigen“, erklärt der Nephrologe.

          Wie die Wissenschaftler ferner herausfanden, besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem altersabhängigen Blutdruckanstieg und der Salzanreicherung in der Haut. „Weshalb wir mit fortschreitendem Alter immer mehr Salz in der Haut einlagern, war für uns zunächst ein Rätsel“, sagt Titze. „Denn hoher Blutdruck setzt dem Herzkreislaufsystem in erhebliche Maße zu.“ So fördere er unter anderem die Entstehung von Schlaganfällen und einer Herzschwäche. Aber auch die Aktivierung von Immunzellen sei ein klarer Nachteil, fügt der Nephrologe hinzu. „Dass der Organismus dennoch, trotz der damit verbundenen gesundheitlichen Risiken, im Alter so viel Salz in der Haut einlagert, muss daher triftige Gründe haben.“ Laut Titze und Jantsch bestehen diese möglicherweise darin, der nachlassende Infektionsresistenz der alternden Haut entgegenzuwirken. Ob diese Annahme zutrifft und welche Rolle die Höhe der Salzzufuhr dabei spielt, wollen die Forscher in weiteren Studien ermitteln.

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