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Gentests in der Krebsmedizin : Die Zukunft hängt in den Seilen

Blutentnahme und Bluttests: immer öfter die Basis für neue Krebstherapien. Bild: dpa

Krebsmediziner haben hochfliegende Konzepte. Bluttests etwa, mit denen Tumore viel präziser und schonender entdeckt werden sollen. Allein: Die Regeln sind zu lax.

          Es klingt, als wäre die Angst vor Krebs mit einem Mal fast überflüssig, zerplatzt wie eine lästige Wasserblase unter der Haut: Für um die 500 Euro könne ein Bluttest künftig herausfinden, ob sich im Körper ein Tumor ausbreitet – für acht Krebsarten, die nicht weniger als sechzig Prozent der Krebsfälle ausmachen, und vor allem in einem so frühen Stadium, dass der Mensch weder davon etwas merkt, noch dass der Tumor Beschwerden auslöst oder Metastasen gebildet hat.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dieses traumhafte Szenario breiteten soeben amerikanische Onkologen öffentlich aus. Ein großes Team von Forschern, an dem neben Nicolas Papadopoulos vom Kimmel Cancer Center in Baltimore und Joshua Cohen von der Johns Hopkins University School of Medicine auch dessen weltberühmter Kollege, der Krebsforscher Bert Vogelstein, beteiligt sind. Große Visionen brauchen große Unterstützung und eine große Plattform. „Science“ hat die Studie publiziert, und die hat die gewünschte Popularität erreicht. Tatsächlich aber stellen sich nach der Arbeit nicht nur für Wissenschaftler und Ärzte eine ganze Reihe kritischer Fragen. Auch für die Patienten bleibt der Plan vorerst eine Utopie. Und das liegt weniger an der Studie selbst, als vielmehr an den Umständen, wie mit solchen Bluttests auf Krebs – „Liquid Biopsy“ genannt – und mit Gentests generell in unseren Gesundheitssystemen umgegangen wird.

          Ergebnis-Panel der Genomentzifferung.

          Zuerst allerdings zum amerikanischen Projekt „CancerSEEK“. So haben die Onkologen ihren Mehrfach-Krebstest bezeichnet. Die Idee ist bestechend einfach: Bei jedem Tumor zerfallen, wenn er eine gewisse Größe erreicht hat, die Krebszellen in ihre Bestandteile. Auch die nur bei den Krebszellen auftretenden Fragmente, Genmaterial ebenso wie kleine Proteinbruchstücke, werden mit dem Blut abtransportiert. Heutige Analysegeräte können theoretisch winzige Spuren dieser krebstypischen „Signale“ – Biomarker – erfassen und Alarm schlagen. Die Hoffnung ist, dass solche Bluttests eines Tages invasive und damit nicht selten schmerzhafte oder mit anderen Nebenwirkungen verbundenen Diagnostiken wie Gewebeprobenahmen (Biopsien) bei Krebs- Screenings oder Früherkennungsuntersuchungen ersparen können. Fast alle Liquid Biopsies auf dem Markt testen auf ein bestimmtes Merkmal, beispielsweise spezielle Mutationen oder molekulare Besonderheiten auf der Tumoroberfläche. Mit ihnen arbeiten Krebszentren, um abzuklären, ob für den Patienten maßgeschneiderte, individualisierte Krebsmedikamente verwendet werden können.

          Entdeckungsrate zu niedrig

          Bluttests für die Früherkennung, wie sie nun die amerikanischen Forscher entwickelt haben, sind noch im Frühstadium. Nicht zuletzt, weil an Diagnostika besonders hohe Anforderungen an die Zuverlässigkeit und Aussagekraft gestellt werden müssen. Die Frage nach der Qualität ist eine ganz entscheidende. Und in der Hinsicht gibt es bei dem jetzt präsentierten Achtfach-Bluttest noch erhebliche Lücken.

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