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Virologie : Schreckgespenst Vogelgrippe

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Ab zur Keulung: Anfang November wird das Geflügel im Sperrbezirk um einen betroffenen Mastbetrieb in Mecklenburg-Vorpommern abtransportiert. Bild: dpa

Wenn jetzt auch Seehunde und Vögel an Influenza leiden, was heißt das für den Menschen? Fakten zum erneuten Ausbruch der Vogelgrippe vom Typ H5N8.

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          Anfang November traf es 31.000 Puten in einem Mastbetrieb im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Vergangenes Wochenende waren es 150.000 Hühner einer Farm im niederländischen Hekendorp sowie 6000 Enten eines Züchters im nordenglischen Nafferton, am Donnerstag 43.000 Legehennen in Südholland nahe Leiden. Und Freitag wurde die Tötung von 10.000 Tieren auf einem Geflügelhof bei der Stadt Zwolle angeordnet. Das Federvieh wird vorsorglich gekeult, weil in den Beständen Influenzaviren vom Typ H5N8 grassierten: Vogelgrippe.

          Unter dieser Rubrik wird auch der Virustyp H10N7 geführt, der in diesem Herbst bisher mehr als 1500 Seehunde an der Nordseeküste Schleswig-Holsteins das Leben gekostet hat (Sonntagszeitung vom 19. Oktober). Dort scheint die Erkrankungswelle nach Mitteilung der Verwaltung des Nationalparks Wattenmeer nun abzuklingen, dafür meldeten Hamburg und Niedersachsen in der vergangenen Woche erste Fälle.

          Der Erreger des Ausbruchs im Jahr 2006

          Das Schreckgespenst Vogelgrippe zeigt sich nun wieder vor unserer Haustür, nachdem es in den letzten Jahren eher als Problem ferner Länder auftrat. Aber was haben die aktuellen Erreger mit dem letzten großen Ausbruch in Europa im Jahr 2006 zu tun, als das Thema monatelang die Schlagzeilen beherrschte? Und welche Risiken bestehen für den Menschen?

          Die Probleme beginnen mit der reichlich unscharfen Definition des Begriffs Vogelgrippe: „Wildvögel gelten für alle Virustypen der Gattung Influenza A als Ursprung und wichtiges Reservoir, also auch für jene Stämme, die andere Tiere oder den Menschen befallen“, erklärt Thomas Mettenleiter, Virologe und Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit auf der Ostseeinsel Riems. Ob ein bestimmter Virustyp auf Vögel beschränkt bleibt oder mehr oder minder effektiv auch andere Tierarten oder eben den Menschen befallen und sich dort etablieren kann, hängt von seiner jeweiligen molekularen Ausstattung ab.

          Influenza-A und Influenza-B

          Diese ist bei Influenza-A-Viren ebenso wie bei denen der B-Gruppe, die weniger vielfältig und nur vom Menschen bekannt sind, recht übersichtlich. Ihr Erbgut besteht aus acht kurzen Abschnitten der Erbsubstanz RNA, die wiederum die Bauanleitung für elf Proteine enthalten. Zwei davon sind besonders wichtig, weil sie deutlich aus der Virushülle herausragen: Hämagglutinin und Neuraminidase. Diese beiden Eiweißmoleküle spielen die entscheidende Rolle bei der Infektion einer Wirtszelle und der anschließenden Freisetzung der darin produzierten neuen Viruspartikel. Sie sind zugleich der entscheidende Angriffspunkt für die Immunabwehr des Körpers.

          Hämagglutinin und Neuraminidase kommen in zahlreichen Varianten vor. Und die Gene können völlig neu kombiniert werden, wenn ein Wirt – Vogel oder Säugetier – gleichzeitig von unterschiedliche Viren befallen ist. Diese auch als Reassortierung bezeichnete Kombination ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Grippeerreger extrem wandlungsfähig sind und es auf diese Weise immer wieder schaffen, die Immunabwehr der Infizierten zu unterlaufen.

          Außerdem ist die Fehlerrate beträchtlich, wenn das Erbgut während der Vermehrung in der Wirtszelle kopiert wird. So entstehen Mutationen, durch die ein Virus früher oder später einen zumindest vorübergehenden Vorteil erhalten kann. Diese kleinen Veränderungen in der Hülle sind auch der Grund dafür, dass Impfstoffe gegen Influenza Jahr für Jahr an die jeweils grassierenden Varianten angepasst werden müssen und dass die Impfung vom letzten Jahr meist nicht vor der aktuell anrollenden Grippewelle schützt.

          Das „N“ und das „H“ in H5N8

          Um ein wenig Ordnung in die verwirrende Vielfalt von Virustypen, Subtypen und Sub-Subtypen zu bringen, haben Virologen ein System zur Klassifizierung von Influenza-A-Viren entwickelt, das auf genetisch deutlich unterscheidbaren Varianten von Hämagglutininen (H) und Neuraminidasen (N) basiert. Der jetzt beim Geflügel isolierte Typ H5N8 beispielsweise besitzt das fünfte aus einer Liste von bisher 18 bekannten Hämagglutininen und das achte von mindestens neun unterschiedlichen Neuraminidasen. Er passt damit zum Profil von anderen Erregern der Geflügelpest, also einer besonders heftig verlaufenden Influenza bei Geflügel, die nach bisherigen Erfahrungen stets von H5- oder H7-Virustypen verursacht wird. Gleichzeitig unterscheidet er sich deutlich von den aus Seehunden isolierten Erregern des Typs H10N7 oder den in den Jahren 2006 und 2009 als akute Bedrohung geltenden Stämmen H5N1 beziehungsweise H1N1.

          Diese für Laien bereits ziemlich verwirrende HN-Nomenklatur erlaubt nur eine grobe Einteilung der kursierenden Virusvarianten in größere Verwandtschaftsgruppen. Kleine, durch einzelne Mutationen im Erbgut hervorgerufene Veränderungen, welche die Eigenschaften eines Virus wie seine Infektiosität für bestimmte Wirtsarten oder die Schwere des Krankheitsverlaufs stark beeinflussen können, werden dabei nicht berücksichtigt. Zum Beispiel der Erreger der sogenannten Schweinegrippe, der sich 2009 weltweit ausbreitete: Dieser H1N1-Typ ist nicht identisch mit dem wichtigsten Erreger der alle Jahre wiederkehrenden Grippewellen, obwohl dieser zum gleichen Typ gehört.

          Die Spur führt nach Asien

          Um wirklich zu wissen, mit welchem Virus sie es zu tun haben, müssen Virologen das gesamte Genom eines Virus begutachten. Auf diese Weise konnten auch die Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) feststellen, dass die nun bei europäischem Geflügel gefundenen Erreger mit jenen H5N8-Viren identisch sind, die seit rund einem Jahr in China und vor allem Südkorea unterwegs sind. Dort hatten die Behörden wegen dieses Virus bereits Millionen von Hühnern und Enten keulen lassen, es wurde zudem in toten Wildenten nachgewiesen.

          Wildvögel, die oft weniger stark erkranken, dürften auch für den Transport der Erreger in den Westen verantwortlich sein, vermuten die Forscher des FLI. Demnach könnte Sibirien als Schnittpunkt von Wanderrouten von europäischen und asiatischen Zugvögeln zu einer Art Verschiebebahnhof geworden sein. Andere Fachleute vermuten eine Übertragung des Virus durch den internationalen Handel mit Geflügel und Geflügelprodukten. „Für beide Hypothesen fehlt es an belastbaren Daten. Uns scheint aber die Zugvogelvariante plausibler“, sagt Mettenleiter. Anders als bei der Vogelgrippe von 2006 sei der aktuelle Erreger bisher jedenfalls noch nicht bei europäischen Wildvögeln festgestellt worden.

          Damals breitete sich in Mitteleuropa für einige Monate ein Erreger vom Typ H5N1 aus. Dieser macht Epidemiologen besondere Sorgen, weil er bei sehr engem Kontakt mit infizierten Vögeln auf Menschen überspringen und dann oft zu schweren Krankheitsverläufen und vermehrten Todesfällen führen kann. Wenn das auch nur in seltenen Fällen geschieht. Im schlimmsten Szenario könnte sich ein Erreger wie H5N1 allerdings weiter an den neuen Wirt anpassen und die Fähigkeit erlangen, sich direkt von Mensch zu Mensch auszubreiten. Bisher scheint dies allerdings nicht oder nur in wenigen, nicht endgültig geklärten Verdachtsfällen geschehen zu sein.

          Hysterie ist nicht angebracht

          Die als hoch pathogen geltende Variante von H5N1 verschwand 2006 fast ebenso schnell aus Mitteleuropa, wie sie gekommen war. In anderen Teilen der Welt ist sie aber weiterhin eine Gefahr – auch für den Menschen. Ägyptische Behörden zählten in diesem Jahr drei H5N1-bedingte Todesfälle, zwei davon in der vergangenen Woche.

          Dass der jetzt nach Europa vorgedrungene Typ H5N8 überspringt und ebenso Menschen infiziert, wurde bisher noch nirgends beobachtet. Das Virus gilt deshalb vor allem als veterinärmedizinisches Problem, mit dem sich die Geflügelzüchter auseinandersetzen müssen.

          Eine Hysterie wie 2006, als die Angst vor H5N1 die Bundesrepublik in Atem hielt, ist jetzt noch weniger angebracht als damals. Aber vor einer vorschnellen Entwarnung sollte man sich ebenfalls hüten. Bei einem Verwandlungskünstler wie Influenza kann man nie sicher sein, was noch kommt.

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