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Die Pille danach : Nicht allen ein Wohlgefallen

  • -Aktualisiert am

Deutschland ist eines der wenigen Länder, in denen die Pille danach noch rezeptpflichtig ist Bild: dpa

Die Pille danach ist ins Gerede gekommen. Kann sie ohne ethische Bedenken verschrieben und geschluckt werden?

          7 Min.

          Das Kondom ist gerissen. Die Antibabypille vergessen worden. Eine Frau zum ungeschützten Geschlechtsverkehr gezwungen. Für solche und ähnliche Situationen ist die „Pille danach“ gedacht. Sie wird in Deutschland jährlich rund 400 000 Mal verordnet. In knapp einem Drittel der Fälle an Frauen unter zwanzig Jahren.

          Zum medialen Großalarm kam es kürzlich, als einer vergewaltigten Frau das entsprechende Rezept in einem katholischen Krankenhaus in Köln verweigert wurde. Die Ärzte fürchteten einen Verstoß gegen kirchliche Normen; tatsächlich kursierten wohl Anordnungen einer „Null-Toleranz“ für Schwangerschaftsabbrüche. Nach Bekanntwerden des Vorfalls wogte die moralische Debatte weitgehend faktenfrei hin und her. Inzwischen hat sich die katholische Bischofskonferenz zu einer Stellungnahme durchgerungen. Danach sollen in Zukunft auch katholische Kliniken in akuten Notlagen die Pille danach verschreiben dürfen. Allerdings nur dann, wenn das verwendete Medikament „eine verhütende und nicht eine abortive Wirkung“ entfalte.

          Der Meinungsstreit über die Pille danach verläuft seit Jahren in bizarren Zyklen. Je nach Standpunkt und Interessenlage werden Fachinformationen, wissenschaftliche Artikel, Stellungnahmen oder bloße Hypothesen zitiert. Nicht selten handelt es sich dabei um veraltete oder längst widerlegte Erkenntnisse. Übersehen wird in Deutschland gern, dass das fragliche Medikament mittlerweile in 79 Ländern rezeptfrei erhältlich ist. Selbst im katholischen Irland. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt generell die Freigabe. In Europa halten neben Deutschland nur noch Italien und Polen an der Rezeptpflicht fest.

          Methoden der Notfallverhütung sind vielfältig

          Längst nicht alle, die sich hierzulande äußern, wissen auch, wovon sie reden. Denn es gibt verschiedene Methoden der Notfallverhütung. Es gab und gibt tatsächlich eine echte Abtreibungspille, die aber nicht mit den in Deutschland zugelassenen Pillen danach verwechselt werden darf. Sie heißt Mifegyne (RU-486) und kann eine Schwangerschaft auch noch Wochen nach der Befruchtung abbrechen. Ihr Wirkstoff Mifepriston blockiert vor allem die Progesteron-Bindestellen in der Gebärmutter und verhindert so auch die Einnistung des Embryos in die Schleimhaut. Allerdings ist dies für die Frau meist mit schmerzhaften Nebenwirkungen verbunden.

          Eine zweite Methode mit abtreibender Wirkung ist die „Spirale danach“. Hier sorgt eine Kupferbeschichtung dafür, dass eine unerwünschte Schwangerschaft bis zu fünf Tage nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr sicher beendet wird. Auch dabei wird ein sich bereits entwickelnder menschlicher Embryo von der Größe eines Punktes am Ende dieses Satzes daran gehindert, sich in die Gebärmutter einzunisten. Und auch das ist nach katholischer Lehre eine unzulässige Methode der Verhütung - menschliches Leben beginne schließlich bereits mit der Verschmelzung von Samen und Eizelle und verdiene von diesem Moment an absoluten Schutz.

          Eisprung verhindern

          Ethisch unbedenklicher scheint die Pille danach. Von diesem Notfallverhütungsmittel wurden bis heute drei unterschiedliche Varianten entwickelt. Schon Ende der siebziger Jahre wurde Frauen empfohlen, in ungewollten Notlagen eine bestimmte Anzahl von regulären Antibabypillen zu schlucken, um durch den Hormonschock den Eisprung und damit eine eventuelle Befruchtung noch abwenden zu können. Dieses Verfahren erwies sich jedoch als wenig zuverlässig und löste zudem häufiges Erbrechen und starke Kopfschmerzen aus. Es wird nicht mehr empfohlen, weil es inzwischen sicherere Alternativen gibt.

          Bekommt eine Frau in Deutschland heute vom Arzt das Rezept für eine Pille danach, kann sie zwischen zwei Medikamenten wählen. Eines wird etwa unter dem Handelsnamen PiDaNa in Form einer Packung mit einer Tablette angeboten, die 1,5 Milligramm des in Antibabypillen bewährten Gestagens Levonorgestrel enthält. Das neuere Medikament weist den Wirkstoff Ulipristalacetat auf und wird unter dem Namen ella One geführt. Es ist erst seit 2010 auf dem europäischen Markt erhältlich, weltweit liegen noch keine langjährigen Erfahrungen der Anwendung vor.

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