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Gendermedizin : Eine Frage des Geschlechts

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Eine Erklärung hierfür lautet, dass die Konzentration der weiblichen Geschlechtshormone ständig ab- und zunimmt, bei männlichen jedoch beständig ist. Außerdem wird angenommen, dass die Persönlichkeit bei Frauen stärker von Wechselbeziehungen zwischen Hirnregionen bestimmt wird. Geschlechterunterschiede beeinflussen also die Prägung von „Personality Brains“ und werden in den Neurowissenschaften immer mehr beachtet. „Während noch vor zehn Jahren die meisten Studien das Ziel hatten, ,die Organisation‘ des menschlichen Gehirns zu verstehen, ist in den letzten Jahren auch aufgrund des immer besseren Verständnisses der allgemeinen Organisationsprinzipien die Untersuchung der Verschiedenheit immer stärker in den Vordergrund gerückt“, so Eickhoff. Diese Verschiedenheiten, die auf das Gehirn einwirken, seien Geschlecht und Alter. Sie würden das Denken, Fühlen und Handeln von Personen bestimmen.

Und nicht nur das Hirn, auch das Herz weist Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen auf. „Frauen haben bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine andere Altersverteilung, andere Cluster und Risikofaktoren, und auch die Gefäßveränderungen am Herzen unterscheiden sich“, sagt Kautzky-Willer. Rauchen, Übergewicht, hohe Blutdruck- und Cholesterinwerte sowie frauenspezifische Aspekte wie die Pille, verfrühte Menopausen und Komplikationen in der Schwangerschaft sind nur einige bekannte Risikofaktoren, die sich bei Frauen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen dramatischer auswirken als bei Männern. Neu sei die Erkenntnis, dass psychosozialer Stress im Alltag sich ebenfalls auf Frauenherzen ungünstiger auswirkt, da sie sensibler darauf reagieren („European Heart Journal“).

Das Spiel der Hormone und Gene

Die Geschlechtshormone spielen also bei der Entwicklung und Prävention von Krankheiten eine wichtige Rolle. Auch die unterschiedliche Reaktion des Immunsystems kann durch das Wirken der Sexualhormone erklärt werden: Östrogen kann beispielsweise die Zellen aktivieren, die bei der antiviralen Immunantwort mitwirken. Testosteron dahingegen nicht. Das Grippevirus Influenza wird beispielsweise nur von weiblichen Zellen bekämpft, wie die Forscher von der John Hopkins University in Baltimore entdeckt haben („American Journal of Physiology“). Laut dem Immunologen Marcus Altfeld aus dem Heinrich-Pette-Institut in Hamburg würden Frauen deshalb eine schnelle und starke Immunreaktion zeigen, um ihr ungeborenes oder bereits geborenes Kind zu schützen. Allerdings könnte das auch zu einer Überreaktion des Immunsystems führen, indem der eigene Körper attackiert wird. Deshalb seien Frauen anfälliger für die Entwicklung von Autoimmunkrankheiten wie Multiple Sklerose. Auch Kautzky-Willer bestätigt diese Annahme: „Die Hormone tragen zu vielen Unterschieden in der altersabhängigen Häufigkeit von Krankheiten bei: so treten zum Beispiel Autoimmunerkrankungen bei Frauen besonders oft im fortpflanzungsfähigen Alter auf.“

Deborah J. Clegg aus dem Cedars-Sinai Diabetes and Obesity Research Institute in Kalifornien sagt, dass neben den hormonellen Unterschieden auch genetische von Bedeutung seien: Männer würden aufgrund ihres XY-Chromosomenpaares beispielsweise auf Antidepressiva oder Schmerzmittel anders ansprechen als Frauen mit XX-Chromosomen. Aktuell untersuchen die Forscher, wie sie im Journal „Cell Metabolism“ berichten, inwieweit sich Krankheitsrisiken in der transsexuellen Gemeinschaft herausbilden. „Zu erforschen, was einem Geschlecht besonders nützt oder schadet, kann zu wichtigen neuen Erkenntnissen führen, die letztlich allen zu Gute kommen“, fasst Kautzky-Willer zusammen. Klar ist, dass sich die Medizin nicht mehr nach dem Leitgedanken „one size fits all“ entwickeln wird.

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