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Die Impfskepsis der Eltern : Ein echtes Dilemma

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Die Psychologin Cornelia Betsch erforscht die Motive von Eltern, die sich gegen Impfungen entscheiden. Im Interview spricht sie über Trittbrettfahrer und die Macht der Geschichten, die im Internet kursieren.

          Frau Betsch, Deutschland diskutiert über die Masernimpfung. Sie erforschen seit Jahren die Psychologie der individuellen Impfentscheidung. Stimmt es, dass erhebliche Teile des Bürgertums impfskeptisch eingestellt sind?

          Ich sehe keine Belege für ein Verharmlosungsdrama der Masern in der Bevölkerung. Die meisten Eltern wissen, dass eine Maserninfektion eine ernstzunehmende Krankheit ist. Sie wissen auch, dass Impfungen vor Masern schützen. Für die in den Medien immer wieder zitierten angeblichen Masernpartys gibt es empirisch keine Evidenz, es handelt sich offenbar um eine urbane Legende, die sich hartnäckig hält. Oft wird in der aktuellen Debatte Impfskepsis stigmatisiert, ohne dass klar würde, woher die Ambivalenz vieler Menschen rührt.

          Viele Eltern schieben Masernimpfungen ihrer Kinder entgegen den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission auf. Was macht die Impfentscheidung so heikel?

          Geht es um Risiken, spielen Wahrscheinlichkeiten und deren subjektive Wahrnehmung die entscheidende Rolle. Die meisten Menschen überschätzen kleine Wahrscheinlichkeiten, subjektiv bedeutsame Risiken werden relevanter wahrgenommen als sie es objektiv sind. Schon vor einer Masernimpfung werden psychologisch Nebenwirkungsrisiken der Impfung abgewogen gegenüber den subjektiven Krankheitsrisiken der Masern. Kleine Wahrscheinlichkeiten für Impfnebenwirkungen, selbst wenn sie objektiv selten sind, wiegen psychologisch schwerer, schwerer jedenfalls als die meist unbestrittene Schutzwirkung. Allerlei Verzerrungen, zu denen Menschen bei der Verarbeitung von Wahrscheinlichkeiten allgemein neigen, tragen dazu bei.

          Was heißt das konkret für Eltern mit Kleinkindern, die beim Arzt vor der Entscheidung stehen, jetzt impfen oder lieber noch nicht impfen?

          Junge Eltern reagieren sehr viel sensibler auf Informationen, die ihnen signalisieren, dass es Risiken für ihr Kind gibt, sensibler jedenfalls als auf Stimmen, die betonen, es gebe kein Risiko. Menschen sind schon evolutionsbiologisch darauf getrimmt, wachsam zu sein, wo mögliche Gefahren lauern. Zudem bereuen Menschen es stärker, wenn etwas Negatives durch ihre Handlung passiert, als wenn etwas durch eine unterlassene Handlung, also durch „Schicksal“ passiert. Das spricht beides eher gegen das Impfen, ohne dass eine ausgeprägte Impfskepsis vorliegen muss.

          Die Psychologin Cornelia Betsch erforscht Impfentscheidungen am Center for Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences der Universität Erfurt

          Im Zeitalter der Google-Universität führt das zu einem echten Dilemma, im Internet kursieren Gruselgeschichten über angebliche Impfnebenwirkungen...

          Ja, Menschen lieben Erzählungen und erlebte Geschichten mehr als Statistiken, das wissen nicht nur Journalisten. Eine persönliche Geschichte kann wider besseres Wissen erhebliche Wirkung entfalten. Ein aktuelles Beispiel sind Berichte über Todesfälle, bei denen sich ungeimpfte Kinder in Arztpraxen mit Masernviren ansteckten und Jahre später eine fatale Hirnentzündung entwickelten. Solche Berichte steigern die subjektive Angst vor Masern. Der Mechanismus wirkt aber in beide Richtungen. Das heißt, Erzählungen über Impfschäden beeinflussen die Gewichtungen der Risiken bei Impfentscheidungen ebenso wie Berichte über Todesfälle bei Nichtgeimpften. Es ist wie eine Waagschale, die in der Psyche ständig hin und her schwingt.

          Wie kann Impfaufklärung für die richtige Balance sorgen?

          Sie sollte insbesondere Risikowahrnehmungen, die auf bloßen Gerüchten basieren, sofort gerade rücken.

          Wie kommt es, dass gerade gut ausgebildete Menschen den Argumenten der Impfbefürworter nicht folgen können?

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