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Innere Uhr im Immunsystem : Die Handicaps der Winter-Welle

Der Winter ist Hochzeit für Atemwegsinfekte. Bild: dpa

Weniger Licht und Kälte nützen nur dem Virus. Dazu kommt offenbar ein natürlicher Rhythmus, der die Aktivität unser Abwehrzellen im Kampf gegen Covid-19 beeinflusst.

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          Im Frühjahr war es noch völlig offen, genau wie die Maskenfrage: Wie wird der Sommer mit Covid-19 – und wie vor allem der Winter? Atemwegsinfekte, und dazu zählt das Systemleiden Covid-19 immer noch, haben typischerweise einen saisonalen Verlauf. Wie alle Erkältungsviren gehört Sars-CoV-2 offenbar zu den Spezialisten für die kalte Jahreszeit. Polio-Erreger dagegen, die mit der Nahrung übertragen werden, sind im Sommer gefährlicher. Am Anfang der Covid-19-Pandemie hörte man die Virologen darüber spekulieren, ob das neue Coronavirus auf seinem Zug rund um den Globus den üblichen Mustern folgt: Kälte und geringe Luftfeuchtigkeit helfen dem Virus im Norden, warme und relativ feuchte Luft halten es im Zaum. Weil allerdings der neue Erreger auf Menschen trifft, so ging die Spekulation der Experten weiter, die nie vorher mit Sars-CoV-2 Kontakt hatten und deshalb praktisch immunologisch „naiv“ sind, wurde allenfalls eine sommerliche Delle im Infektionsverlauf erwartet. Jeder sei mehr oder weniger ähnlich empfänglich und ansteckend.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Heute wissen wir es besser. Die steil ansteigenden Infektionszahlen im Herbst und – speziell hierzulande – die geringe Ausbreitung im Sommer zeigen das klassische Muster einer Atemwegs-Epidemie: jahreszeitliche Schwankungen, wie sie im Übrigen auch für andere Erreger von Influenza bis Keuchhusten, Mumps und allen harmloseren Atemwegsviren – die etablierten Coronaviren eingeschlossen – bekannt sind. Bedeutet das also, dass das neue Coronavirus Sars-CoV-2 ähnlich stark von äußeren Faktoren abhängig ist?

          Unstrittig ist, dass Temperatur, Luftfeuchtigkeit und vor allem auch UV-reiches Licht – der Aufenthalt im Freien – eine erhebliche Rolle für das Überleben des Virus spielen. Doch am Ende lassen sich damit nicht mehr als 36 Prozent der Covid-19-Schwankungen erklären, rechneten jüngst amerikanische Forscher der University of Connecticut in den „Proceedings“ der Nationalen Akademie der Wissenschaften vor. Zu den äußeren Faktoren kommen trockene Schleimhäute hinzu, bei vielen Menschen auch Vitamindefizite (das lichtabhängige Vitamin D etwa). Und auch die Altersstruktur und damit die immunologische Vitalität ist als Einflußgröße für die Virenverbreitung gesetzt.

          Was erstaunlicherweise oft außer Acht gelassen wird, ist dagegen der eigene Rhythmus und die innere Bereitschaft unseres Immunsystems. Die Körperabwehr ist ein im besten Fall perfekt organisiertes System von Abwehrwaffen und -signalen, das einer festgelegten Choreographie folgt. Automatismen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Und über diese Automatismen der Körperabwehr, die offensichtlich auch jahres- und tageszeitlich programmiert sind, haben nun irische und schottische Physiologen um Cathy Wyse vom Royal College of Surgeons in Dublin einiges herausgefunden. Im Verlauf von vier Jahren haben sie fast 330 000 Briten Blut abgenommen und auf diverse Immunparameter hin untersucht. Zufällig wurden die zwischen 40 und 69 Jahre alten Probanden an eine der 22 Blutentnahmestellen bestellt und zu einer Reihe persönlicher Gesundheits- und Lebensaspekte befragt.

          Was dabei herauskam, war aus Tierexperimenten und Einzelbeobachtungen schon zu erahnen, aber noch nie mit so vielen Daten unterfüttert worden: Unser Immunsystem hat seinen eigenen Rhythmus, unabhängig von allen Umweltfaktoren und wohl auch unabhängig vom Alter – wenngleich Aussagen über die Immunprozesse bei Kindern nicht direkt ableitbar sind. Klar ist: Die Tageslänge und damit die Jahreszeit sind ein entscheidender Faktor, etwa für die Produktion von Lymphozyten. Im Herbst sinkt die Zahl der weißen Blutkörperchen, im Sommer steigt sie. Gleichzeitig erhöht sich ihre morgendliche Aktivität in den Lymphknoten. Morgens beginnt hier die entscheidende, die „aktive Phase“.

          In den Lymphknoten vermehren sich die Abwehrzellen, die über den Tag in die Blutbahn wandern und ihr immunologisches Werk vollbringen. Nachts herrscht Ruhe. Und je kürzer die Tage, desto geringer die immunologische Durchschlagskraft. Noch ist diese auf dem Preprint-Server „medRxiv“ publizierte These nicht ausreichend belegt. Aber sie erklärt manche anekdotische Besonderheiten, die auch Ärzte kennen: die etwa, wonach eine Grippe-Impfung besser anschlägt, wenn sie morgens verabreicht wird.

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